Kommentar (aus "Fragmente", 1997)

Viele klassische und moderne Künstler haben nicht Bilder gemalt, sondern eigentlich Existenzmilieus, neue Welten mit ihrer eigenen Geometrie, Zeit, Oberfläche, ihrem eigenen Himmel, Licht usw. Einer der fanatischen Schöpfer eines solchen neuen Milieus, der neuen Variante einer surrealistischen Welt war Yves Tanguy. Vom Jahre 1927 an bis zum Tode im Januar 1955 entwickelte, komplizierte, erweiterte der Künstler Tanguy's Welt.
Ein dunkelgrauer, bläulicher Ozean, dessen Oberfläche der Betrachter gleichsam von einem hohen, unsichtbaren Ufer aus beobachtet, geht über in einen weißlichen, leuchtenden Nebel, über dem, Wellen gleich, Wolken hängen. Noch höher - ein Himmel mit zart rosafarbenen, kaum sichtbaren Farbtupfern. Wellen, verwaschener, vielfacher Widerschein der Sonne auf ihren beleuchteten Seiten. Die Sonne oder irgendein anderer bläulicher Stern scheint irgendwoher von hinten und von rechts so, daß ein gekrümmter, dichter dunkler Schatten vom gelben Turm nach links fällt. Auf der Oberfläche des Ozeans (oder des Nebels bzw. einer Haut oder einer seltsamen lebendigen Erde) stehen gleichsam biologisch geartete räumliche Körper, "Bionen", ein gelber Turm, der lange "Stiele", gleich Stützen, aus sich herausgelassen hat, einige fadenförmige Konstruktionen... Alle Bionen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit abgeschliffenen, vielfarbigen Steinchen am Meeresufer oder mit haarigen glattblättrigen Kakteen und Wasserpflanzen. Die offenbare genetische Nähe der biologischen Konstruktionen der Welt Tanguy's und der gleichsam aus farbigem Chitin gemachten Türme auf dem linken (paradiesischen) Seitenbild und im Mittelteil des Triptychons "Der Garten der Lüste" von Bosch aus dem Prado in Madrid zwingen uns auch, den krassen Unterschied der Wellten dieser fast ein halbes Jahrtausend voneinander getrennten Surrealisten hervorzuheben: Auf Bosch's Leinwänden wimmelt es von Menschen, Dämonen, Tieren; Tanguy's Welt ist nur von Bionen, von Ozean, Himmel, Licht und Raum besiedelt. In ihr gibt es auch nicht die Spur eines Menschen bzw. überhaupt von etwas Menschlichem. Gemächlich und feierlich schwankt der Ozean, leuchtet der bläuliche Nebel, schillern in weichen Farbtönen die seltsamen biologischen Konstruktionen...
Es ist ruhig und still. Es ist sehr schön und fast nicht beängstigend. In Tanguy's Welt ist es interessant. In sie möchte man hineingehen, hineinschwimmen und ohne Eile alle ihre Türme und Pflanzen umfliegen, deren Oberflächen berühren, auf ihnen sitzen, in die Ferne schauend, wo man - sei es hängend, sei es schwimmend - einen Eisberg oder eine Barke oder einen surrealistischen Wal wahrzunehmen glaubt.
Tanguy's Welt ist dem Menschen offensichtlich freundlich gesinnt, was man von den Welten seiner Freunde, der Surrealisten, nicht immer behaupten kann. In Dali's Welt riecht es nach Paranoia, genialer Berechnung, Virtuosität und irgendeiner inneren Schwäche - dorthin zieht es einen nicht. Ernst's Welten sind märchenhaft gut und interessant, doch man kann dort aufgefressen, zerhackt, in ein Echo verwandelt werden, das im lebendigen Dschungel verhallt...
In Delvaux's Welt zieht es nur Fetischisten der weiblichen Brust. Die Welt eines Magritte fesselt Liebhaber von Paradoxa; ohne die entmutigenden Effekte (Bleikugeln fliegen! Finsternis inmitten des Lichts!) wäre er banal realistisch und langweilig. Chirico's Welt ist überfüllt mit Stille und Einsamkeit...
Der große Miro schuf eine Vielzahl wunderbarer Bilder, doch seine Welt liegt in einem flachen, abstrakten Raum und ist für Spaziergänge nicht vorgesehen.

Im Laufe der Zeit hat sich Tanguy's Welt entwickelt und kompliziert. Die Bionen sind raffinierter, vielfältiger geworden. Die Türme haben sich mit neuen Hüllen und Facetten überzogen; es erschienen "Bildschirme", "Stiele", "Höhlungen", "Obelisken", "Kraken", "Städte", "Polarlichter", "härene Wände", "Biosäulen", "Biokristalle"...
Stille und eine gewisse Erstarrung, ererbt von Chirico, werden stets in Tanguy's Welt herrschen, der Raum - die Tiefe zeigend, der Himmel - einen nebligen Glanz; der Ozean bzw. ein lebendiges Häutchen des schwankenden Planeten wird sich in Ruhe oder in Wallung befinden, sich zuweilen in Sanddünen, zuweilen in ein Plateau aus erhärtetem Licht verwandeln.

 

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