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Michail Schwarzman, Dritte Struktur, 1967-76
Sein Geist ist leicht aufgeflogen, aber nicht nach oben (es gibt dort oben nichts), eher hindurch - durch Realität. Er transferierte in die hieratische Schicht, in die Welt der Archetypen. Eine gewisse Ahnung über diese Schicht gibt uns die "Dritte Struktur".
Sie ist von Verdichtungen des Lichtes, vom matten Schein der "Sfumato-Substanz" und nicht von "Materie" gebaut worden. "Die Struktur" sieht aus wie eine Kombination eines vertikalen Schnitts der präparierten gotischen Kathedrale und ihrem horizontalen Schnitt. Man sieht die Konstruktionen, die an räumliche Kreuze, Türme und Türmchen, Bogen und Gewölbe und andere veränderte architektonische Elemente erinnern.
Trotz Geometriesmus und Durchsichtigkeit erinnert der zentrale Teil der Zeichnung an die Figur eines Heiligen von einer alten Ikone. Die Schwarzmans "Dritte Struktur" ist eine Gottheitspersonifikation, die Gott in seinem architektonischem Aspekt darstellt. Gott zeigt sich hier wie ein mystisches Gebäude, wie eine Lichtkonstruktion.
Die wichtige Voraussetzung für Schwarzmans Kunst war seine unerschütterliche Überzeugung, dass sichtbare und unsichtbare, materielle und immaterielle Welten die gemeinsamen, hierarchisch organisierten Strukturen bauen. Diese alles durchdringenden sakrale Strukturen, die im Westen eine eigene Gestalt in der Gotik und im Osten in den Ikonen fanden, hat er Hieraturen genannt. Eben diese Hieraturen in ihrem modernen Aspekt versuchte er in verschiedenen Techniken (Handzeichnung mit "Sfumato-Effekt", Tusche-Zeichnung und Ei-Tempera auf grundierten Brettern) darzustellen.
Die Grundprinzipien für seine künstlerische Arbeit formulierte er wie folgt: "Der Wechsel der Metamorphosen", "Außerphänomenologisch zu arbeiten", "Die Sanftmut."
Diese letzte Formulierung ist mit dem Hauptpostulat der byzantinischen Hesychasten, "so zu leben, um für die Wellen des Heiligen Geistes transparent zu sein" identisch.
Schwarzman hat es als Sanftmut bezeichnet. Einmal sagte er zu mir: "Wir alle sind Selbstlinge, sind voller Eigenliebe. In der Arbeit muss man aber sanftmütig sein, ganz gleich, wie wir sonst im Leben sein mögen." Und ein anderes mal: "Sanftmut! Sanftmut bei der Arbeit. Selbst wenn Sie im Leben ein grausamer, grober Mensch sind; bei der Arbeit nur Sanftmut, sonst gelingt nichts." Besonders schlimm für ihn war Hochmut, Neid und der ewige Wunsch der Künstler zu beweisen, sich zu zeigen, zu rächen, alles zu berechnen usw.. Ihm war ganz klar: Die Emanationen des Heiligen Geistes sind allen zugänglich. Aber nur im erleuchtenden Zustand der Sanftmut kann der Künstler diese heilsamen Wellen durch sich selbst und durch z.B. Papier gehen lassen und ihnen Formen verleihen.
"Außerphänomenologisch arbeiten" wurde von Schwarzman als arbeiten, frei von voreingenommenen Konzeptionen, frei von Berechnungen der Vernunft, frei von der immer betrügenden Welt der Phänomene, verstanden. Er sagte: "Es gehen nur die Phänomene zugrunde."
Spontanität, oder wie er formulierte, sanftmütige Spontanität, kindliche Nicht- Aufgeladenheit des Geistes mit künstlichen intellektuellen Konstruktionen war sein natürlicher Seelezustand, welchen er wie ein Geschenk wahrnahm und oft seinen Schülern und Anhängern empfahl.
"Der Wechsel der Metamorphosen" ergibt sich logisch aus den obengenannten Prinzipien. Ein Künstler muss sich nach Schwarzman nicht von der Schönheit und dem Charme der im Prozess des Malens erscheinenden Gestalten beeinflussen lassen. Beim Bleistiftzeichnen schlug er vor, öfter eine Rasierklinge zu benutzen, beim Temperamalen - mit Schichten zu arbeiten, öfter vorherige Schichten mit dem halbtransparenten oder nicht transparenten Farben zu decken, die Schönheit und Expression für die Wahrheit zu opfern.
Die Wahrheit existiert für Schwarzman und hat eine Gestalt - die Hieratur, eine eigenartige Form des Gottheitsdaseins. Paradoxer Weise ist solch eine Hieratur fluktuierend, unbeständig und gleichzeitig strukturell und konstruktiv. Solche bizarre Mechanik hat Schwarzmans Welt.
"Der Wechsel der Metamorphosen ist ein unabwendbarer Prozess" hat er oft gesagt, "der gnadenlos wie der Generationswechsel ist; ohne ihn ist ein Bild tot." Deswegen sind seine Hieraturen gleichzeitig Polyformen, d.h. die Gesamtheiten der Elemente, die nur im Bewusstsein des Betrachters ihre endgültige Gestalt finden. Und diese Gestalt ändert sich, reift zusammen mit dem Betrachter.
Seine Hieratur besitzt nicht nur eine versteckte Heiligenfigur, nicht nur einen Heiligentyp oder Archetyp, sondern auch ihre Entwicklungen und Variationen. Schwarzman gibt so dem gesamten System der russisch orthodoxen Heiligtumsdarstellungen ihren später verlorenen, ursprünglich offenen, kosmischen Charakter zurück. Er zerschlägt den von vielen Gläubigen freiwillig angenommenen Eisernen Vorhang der veralterten Dogmatik und der in Wirklichkeit nicht existierenden Außerordentlichkeit. Deswegen wurde Schwarzman von KGB-treuen kirchlichen Fürsten gehasst und von der nicht vom Nationalismus vergifteten Intelligenz geliebt und verehrt.
Die Hieraturen Schwarzmans bauen eine eigenartige Brücke zwischen der Blüteepoche der Ikone und der neuen russischen religiösen Welle, zwischen denen eine Zeitdifferenz von etwa 700 Jahren liegt. Sie verbindet auch den modernen russischen Mystizismus mit den hohen Errungenschaften schwindender seriöser Kunst des 20. Jahrhunderts. Ungefähr vor 100 Jahren haben dies die Arbeiten eines anderen großen russischen Künstlers getan - Michail Wrubel.
Bei Schwarzman beobachten wir Makrowelten, seine Hieraturen sind riesige Konstruktionen, die im parallelen Universum wie veredelte Spaceshuttle in noch nicht abgeworfenen Startrampen langsam einen titanenhaften von Seraphen getragenen Gottesthron umkreisen. Dies alles entspricht in idealer Weise russischen Ideen und Vorstellungen vom übermenschlichen sakralisierten Raum und der unendlich ziehenden metahistorischen Zeit.
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