 |

MICHAIL SCHWARZMAN (1926 - 1997)
Ausschnitte aus dem Artikel "Zwei Welten"
Schwarzman ist aus den höchsten Errungenschaften der sakralen Kunst hervorgegangen - den Ikonen und der Gotik.
Er war ein Mystiker. Betonte dies in allem: Trug bescheidene und dunkle Kleidung, sprach erhaben, aber konkret und sehr scharfsinnig.
Schwarzman hat den ungeheuerlichen Druck der Macht für die Kristallisierung seiner "Hieraturen" genutzt. Nachdem der Druck und die Wellen der roten Macht endgültig verschwunden sind, ist Schwarzman gestorben.
Die Mehrheit der nonkonformistischen Moskauer Kunstmaler der 70/80 Jahre hat noch die mit zehn- oder zwanzigjähriger Verspätung in Moskau eingedrungene "westliche" Kunst wiedergekäut. Sie wiederkäuten und sie ahmten nach, kurzsichtig denkend, dass allein Verzicht auf amtliche propagandaorientierte Kunst eine Qualitätsgarantie ihrer Arbeit ist.
Zur richtigen geistigen Quelle des Ostens nämlich zur Hesychie und ihrer Materialisation - zur Ikone - haben nur die im religiösen Rausch stehenden Neophyten, die neuen russischen "orthodoxen Kunstmaler" gegriffen. Ihr Fanatismus und ihre Engstirnigkeit haben ihnen aber nicht erlaubt den Rahmen der kanonischen Schemen und Regeln, die sie mehr oder weniger sklavisch eingehalten haben, zu sprengen. Sie versuchten "neuen Wein in alte Schläuche zu füllen."
Man kann heute leider nicht nach dem Muster von Andrej Rubljow oder Theophanes der Grieche malen - so etwas zu tun heißt ein Unverständnis ihrer Kunst und ihres Geistes zu demonstrieren. Man kann heute auch nicht eine echte gotische Kathedrale bauen - es gelingt nicht, weil eine moderne mystische Projektion der Architektur eine andere Gestalt als vor 800 Jahren hat.
Die neugemachten Ikonen, die in letzter Zeit Russland überflutet haben, sind trotz der betonten Orthodoxie ihrer Autoren nur talent- oder gabenlos gefertigte Kopien, freche Herausforderungen zu den unübertroffenen Originalen. Es ist unmöglich "aus Neuem" eine alte Ikone zu malen - aber man kann Ikonenmalerei als eine Erkenntnisquelle der wahren Natur der Welt, ihrer alles durchdringenden vielschichtigen sakralen Struktur, der im Vergänglichen verborgenen Ewigkeitskeime, benutzen. Man kann malen ohne Ikonen nachzuahmen, ohne Ausbeutung ihrer Methodologie und ihres eigenartigen Verfahrens, aber man kann in ihrem Geiste malen - und das ist in Russland in vollem Maße allein Schwarzman gelungen.
Die Moskauer Realität der 70-80er Jahre war ekelerregend - ein armseliges Sozialleben und selbst die Architektur der Neubaugebiete mit ihrer tödlichen Einförmigkeit, Monotonie und schizophrener Geometrie zwangen "nicht offizielle" Künstler, die Gestalten außerhalb der Grenzen der sichtbaren Welt zu suchen.
Wenn Kandinsky, begeistert vom Streben der Formen und Farben nach Freiheit von ihren Träger in die abstrakten Welten aufflog, dann versteckten sich die im Totalitarismus lebenden Künstler in Abstraktionen vor unerträglicher, den Menschen verfolgender Realität. Kandinsky geriet in Ekstase, wir hatten Angst und litten an Verfolgungswahn. Deswegen waren Kandinskys Abstraktionen Fortsetzungen des wunderschönen Spiels der Kinder mit dem Himmelsvater und die Abstraktionen der sowjetischen "Nonkonformisten" dagegen nur (in der Regel) düstere, wenn gleich oft bunt gemalte Kompensatoren-Welten. Metaphysisch betrachtet, sind diese Welten - surrealistischen Widerspiegelungen des sowjetischen Mythos, keine Schutz gebenden Burgen, keine Wonne bringenden Gärten oder einfach die Personalhöllen. Mir war in Russland nur eine einzige Ausnahme bekannt: Michail Schwarzman.
Er freute sich. Er zelebrierte. Er zeugte. Im Alltag war er ein Christ, er besuchte die russisch-orthodoxe Kirche, nahm an Kommunion teil, küsste Ikonen, fastete, etc.. Er glaubte ohne Fanatismus und war immer ein "mystischer Optimist." Z.B. glaubte niemand an den Zerfall des Kommunismus, alle dachten, es dauert noch 100 Jahre. Er sagte mir im Gegenteil schon Ende der 70iger: "Wissen Sie, ich habe das idiotische Gefühl, dass alles das schon bald beendet sein wird und das Kommende wird nicht so schlimm wie das Gegenwart sein, die Nihilismuswelle sinkt."
Schwarzman meinte nicht, er sei größer oder höher als andere. Er hat sich nur eine Selbstcharakteristik erlaubt: Reif zu sein; z.B. waren Kandinsky und Malevitsch für ihn "Kinder", oder wie er sagte "stinkende Demiurgen", und Schemjakin - ein "kommunales Wunderkind."
Seine religiösen Ekstasen waren kein Plätschern des Hysterikers, sondern steuerbare, dauernde Explosionen der psychischen Energie des reifen Meisters, der seine körperliche und geistige Fähigkeit vernünftig benutzen kann und in der Lage war "hinter die Grenze des Todes" zu gehen und fröhlich zurückzukehren. Dem Moskauer Meister war seine Mission gut bekannt, er musste den zerrissenen Stoff der russischen geistigen Tradition wiederherstellen, über die Leere und die Abgründe, die das vernichtende sowjetische System hinterlassen hatte, Brücken schlagen.
zurück zur Übersicht |
 |