Fritz Schönfelder, Verletzte Köpfe, 1995

Und so ein Reichtum an Irrationalität in einer solch grauen und rationalen Stadt! Und wenn man den Gedanken, dass die Arbeiten Schönfelders einzigartige "Kerne" des Sonnenberges sind, bis an sein logisches Ende führt, so bedeutet das, dass diese halbtote Stadt bemerkenswert untriviale Früchte aufweist. Das bedeutet, dass Chemnitz gar nicht so grau ist.
Oder, das man hier wirklich nicht ohne Engel ausgekommen ist? Nun, sie sind an Chemnitz vorbeigeflogen. Haben sich die Stadt von oben aus betrachtet und sich gewundert, wie man hier leben kann ohne sich nicht vor Langeweile aufzuhängen? Und haben beschlossen, irgendwie einzugreifen. Aber sie haben auch ihr Regelwerk. Ohne einen großen Extremfall dürfen die Naturgesetze nicht verletzt werden. Und so haben sie beschlossen, jemanden zu etwas vollkommen Unmöglichem zu inspirieren. Und wie im Märchen wählten sie Fritz wegen seiner Ehrlichkeit aus. So vor mich hin sinnend betrachtete ich die Arbeiten und versuchte, sie nicht zu berühren, um mich nicht zu kratzen.
An den Füßen der Dogai-Frau entdeckte ich ein relativ kleines aus drei Figuren bestehendes Objekt - "Verletzte Köpfe." Die drei aus Holz, Pappe und Papier angefertigten "verbundenen" Figuren erinnerten irgendwie sehr an meine kürzlichen Eindrücke auf der Hainstraße. Und trotzdem kapierte ich nicht sofort, dass dieses Objekt in exakter Weise die Gestalt der armen Familie, die mir auf dem Weg in die Werkstatt begegnet ist, wiedergibt. Sowohl die Proportionen als auch die anstelle von Gesichtern "aus Pappe gestalteten leere Stellen" stellten korrekt das dar, was sogar schwierig zu fotografieren ist - das inhaltslose Leben voller kleinerer Streitigkeiten und Zänkereien, Geldnot, feuchte Nächte ohne Liebe, einen den ganzen Tag laufenden Fernseher, Schimpfereien und jeden Tag - Bier.
Damals war nur ich es, der mitbekommen hat , dass die künstlerische Sprache Schönfelders wie kein anderes Mittel zur Darstellung des Wesens der Existenz des Menschen in Chemnitz geeignet ist. Seine bittere Kunst wird auch deshalb nicht akzeptiert, weil man die soziale Wahrheit spürt und das stößt die Galeristen und deren finanzkräftige Kunden ab. Der Erfolg von Schönfelder wäre gleichbedeutend mit der Anerkennung der geistigen Katastrophe, in die das deutsche Sozium geraten ist (besser erkennbar im Osten Deutschlands, wo sie sich auch im "äußeren" Anblick des Menschen materialisiert hat). Eine in Vergangenheit rettende Idee vom rationellen, vernünftigen Weg der Produktion und Konsumtion, vom Weg des organisierten, geordneten und maximal kontrollierten Lebens bricht jetzt zusammen. Das kann nur ein Blinder übersehen. An den Stellen, wo für den DDR-Bürger Patriotismus, Ordnung, Solidarität mit Schwachen und Armen, eigene Bescheidenheit usw. standen, bildeten sich leere Stellen, die man nicht erschöpfend mit dem widerlichen Anschaffungstum - dem Kauf von Waren - der einzigen Beschäftigung, die einem Durchschnittsdeutschen positive Emotionen beschert, auffüllen kann. Und genau diese, aus dem Karma des Volkes geborene Leere, sehen wir auch auf den Objekten Schönfelders. Seine Objekte lügen nicht, sondern sprechen die Wahrheit über die uns umgebende Welt. Aber die Wahrheit ist nicht angenehm für Leute, die an die Lüge gewöhnt sind.
Das alles heißt mitnichten, dass Fritz Schönfelder so ein bärtiger Ankläger der sozialen Ungleichheit ist. Natürlich nicht. Die soziale Komponente seines Schaffens offenbart sich von selbst, ohne künstliche Pedalierung. Sie liegt gut versteckt im undurchdringlichen Dickicht seines Zauberwaldes und ist "einfach so, mit einem nicht dazu ausgerüstetem Auge" auch nicht erkennbar . Nein, Schönfelder ist mit anderen Dingen beschäftigt - er komponiert, baut, färbt, probiert aus, überarbeitet und konstruiert. Er ist Künstler, das heißt, ein Wesen, welches in seinem Wahnsinn sich darum sorgt, dass der Raum sich nicht langweilt, dass die Zeit nicht durch die Finger rinnt, von gelebten Leben nur eine Salzschicht lassend, dass die verschmähten und weggeworfenen Dinge sich mit neuem Leben erfüllen und den Menschen helfen, in der Hektik des Alltags nicht zu verzweifeln. Fritz ist damit beschäftigt, sich mit den Engeln zu unterhalten.

 

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