Fritz Schönfelder, Dogai-Frau, 1996

Eines der größten Objekte von Fritz ist die Dogai-Frau, von der Sache her ebenfalls eine riesige, nahezu flache Puppe, die irgendwie an südamerikanische Karnevalsmasken erinnert. Als ursprünglicher Impuls sie zu gestalten dienten Baumaterialreste. "Programm" wurde ein Text aus dem populären Dämonologie-Lexikon, auf den wir später zurückkommen werden.
Bereits beim ersten Blick auf diese gewaltige Figur spürt man, dass sie absichtlich nicht schön gestaltet wurde. Es fällt einem ins Auge, dass der Künstler seine Maske offensichtlich nicht elegant und kompliziert machen wollte. Stattdessen vereinfacht Fritz die Gesichtszüge. Sie sind beispielsweise wie auch in einer Grafik reduziert bis hin zur Einfachheit einer Kinderzeichnung, die Konturen der Figur bis zum Umriss eines Phallus und die Figur erfährt damit ergänzend eine besondere, nicht künstlich ästhetisierte, verstärkte aber authentische Expression. So wie der Künstler auf Schönheit verzichtet, verzichtet er auch auf Masse und "Stabilität" der Dogai-Frau. Bei ihren imposanten Maßen (3 Meter Höhe) hat sie kaum das Gewicht einer Schülerin der 2. Klasse. Schönfelder macht prinzipiell keine "schweren, soliden" Objekte. Für ihn ist es wichtig, ontologische Leichtigkeit und Vergänglichkeit, das, was niemand braucht, das von allen Verlassen-Sein an seinen Gestalten zu bewahren. Der Meister hinterlässt seine mit einem seltsamen neuen Leben erfüllten Objekten als überaus verwundbare, kurzlebige und schutzlose Wesen.
Er schafft sie nicht für die Ewigkeit, eher für irgendeinen zukünftigen aber irgendwie noch nicht begonnenen Karneval.

Dogai. In der Glaubenswelt melanesisch-papuanischen Torres-Insulaner grotesk hässliche Totengeister, übernatürliche Frauen mit dickem Körper und langen Beinen, großen Brüsten und riesigen Schlappohren. Als ihr Wohnort werden entweder Berghöhlen oder Felsengipfel genannt oder auf flachen Inseln hügelähnliche Seevogelnester. Ihr Getränk ist der Urin der Menschen. Als Geschöpfe einer " Gegenwelt " sind für diese Wesen alle jene Dinge wertvoll, die von den Menschen weggeworfen werden - wertloser Abfall und moderiges Gerümpel. Sagen berichten davon, dass Dogai-Frauen Knaben und junge Männer entführen und sie zwingen, mit ihnen ein Eheleben zu führen. Die geraubten Menschen setzen sich mit Speeren gegen die Verfolgerinnen zur Wehr. Wenn diese getroffen werden, verwandeln sie sich in bizarre Felsformationen...

Die bescheidene Ilustration erlaubt leider keinen echten Vergleich des programmatischen Textes mit dem realen Objekt, aber Leser, die das Original nicht gesehen haben, können mir aufs Wort glauben, dass eine vollkommene Übereinstimmung vorliegt.
Eine Kleinigkeit bildet dabei eine Ausnahme: Die Frau die der Meister selbst Dogai-Frau nennt, ist gar keine richtige Frau. Davon überzeugt uns der Kistengriff unterhalb ihres Bauches etwas oberhalb vom Schlaginstrumententeller. Der Griff ähnelt vor allem einem Phallus. Ähnliche "Phalli" kann man, so man sie sich angesehen hat, an vielen Figurenobjekten von Schönfelder entdecken. Nichts desto weniger reicht dieses Beweisstück nicht aus, um dieses Objekt, wenn nicht den Männern so doch zumindest nicht 100%-ig den Frauen zuzuordnen.
Endgültig wird der Betrachter davon überzeugt, dass vor ihm wohl ein Mischwesen steht, da unsere Figur, was Gesicht, allgemeine Körperkonstellation, die Art und Weise des Stehens - Arme gesenkt - betrifft, uns an Fritz selbst erinnert.
Und so steht in einer dunklen Nische der Werkstatt auf der Palmstraße, erschaffen aus von Menschen weggeworfenem Müll sie , und in ihr verbirgt er sich, der Autor, und schaut aus seinem Jenseits ins Diesseits, willenlos die Arme gesenkt, vor Verlegenheit die Schultern angehoben und sucht mit seinen kurzsichtigen Augen seinen Bräutigam, den Betrachter, um ihm zu erzählen, wie die Welt wirklich beschaffen und was in ihr wirklich wertvoll und nicht wertvoll ist. Das Einzige jedoch, wozu der Betrachter fähig ist, ist gleichgültig vorbeizugehen und sich verächtlich abzuwenden und so versteinert die Dogai-Frau in ihrer Einsamkeit.
Das von uns gemalte Bild ist zwar etwas traurig aber leider realistisch. Die Kunst des hervorragenden Meisters fand bisher in seiner Heimat keine Anerkennung - ich hoffe, nur vorübergehend.

Ich habe die Werkstatt Schönfelders einige Male besucht und jedes Mal, wie mir zum Schur, war schlechtes Wetter, fiel matschiger Märzschnee, war es windig und die Hainstraße, die ich einen guten Kilometer laufen musste, war irgendwie nicht besonders freundlich, sondern dreckig und menschenleer. Auf dem Weg begegneten mir ein Paar Schüler mit finsteren Gesichtern, ein verwahrloster alter Mann mit Hut und Spazierstock, und noch zwei, drei Leute, die überhaupt keinerlei Auffälligkeiten hatten und eine irgendwie besorgte, ärmlich gekleidete Familie. Ein Mann, offensichtlich kein Deutscher, eine Frau mit erschöpftem Gesicht und ein trauriger 5-jähriger kleiner Junge. Ich konstatierte diesen Umstand und dachte: Man muss dieses Wetter, diese menschliche Tristesse irgendwie mit der Kunst von Fritz verbinden, aber wie? Denn Schönfelder liebt Chemnitz, er bedauert seine Einwohner und ist selbst schlechtem Wetter gut Freund. Er arbeitet viel, diszipliniert und ist mit dem Leben zufrieden. Seine Einsamkeit ist ein rein künstlerisches Phänomen. Er ist ein glücklicher Vater und Ehemann. Ich habe mir den Kopf zerbrochen bis ich seine Werkstatt betrat und mir seine Arbeiten angesehen habe. Es waren viele, möglicherweise Hunderte, vielleicht mehr.
Dutzende großer "Bilder", oftmals demonstrativ zerschnitten und künstlerisch - grob mit Fäden, Stricken und Schnüren genäht, standen stapelweise an die Wände gelehnt oder waren aufgehangen. Irgendwelche rauen und glatten Säulen mit den Augen der Mona Lisa, mit Stricken verbundene, bunt gefärbte "Figuren", seltsame Fallen-Stühle, Keramikgnome mit obszönem Lächeln, irgendwelche - nicht ganz Gräber und nicht ganz Mumien - kreuzförmige Konstruktionen, gruselige rote Holzindianer mit unheilvollem Lächeln, eine schreckliche "Alte" in einem Rollstuhl, aus Bettfedern, Ketten und Küchensieben bestehende "Metallskelette" (im folgenden erfuhr ich mit Erstaunen, dass das Johannes der Täufer und Salome sind), und an all dem hingen einfach Stricke, Stricke mit Steinchen, Stricke mit Glöckchen, Buchstaben und Kugeln. Und eine Vielzahl von Objekten, die ich einfach mit Worten nicht beschreiben kann.
Das alles hatte etwas von einem SM-Salon. Auf jeden Fall spürte man sofort, dass es hier nicht nur um Phantasie sondern auch um Schmerz (auf vielen Objekten waren eingeschlagene Nägel zu erkennen) und Zusammenbinden (frappierend die vielen Stricke) geht. Diese Welt technischer und malerischer Missgeburten aus Pappmaschee war keine menschliche Welt, sie hatte etwas vom Fegefeuer, einer Stätte, wo es Teufel-Ingenieuren gestattet war, menschliche Schwächen zu verhöhnen und diese in Gestalt von Konstruktionen zu materialisieren. Und selbst der Raum dieser Welt war nicht bekannt und geradlinig. Er war schräg. Alle stehenden Objekte standen wie der Schiefe Turm von Piesa - geneigt. Und mit der Farbe geschah auch etwas merkwürdiges: die Grundtöne - rot, gelb, blau, zuweilen auch grün, waren keine Farben sondern Signale eines schizophrenen Semaphors. Wie tropische Reptilien warnten sie vor Gefahr
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