Fritz Schönfelder, Afrikanisches Paar, 1987, Frau und Flugzeuge, 1985

Die Radierung Afrikanisches Paar aus dem Jahr 1987 fertigte Fritz nach seinen Worten unter dem Eindruck der Platanen-Baumrinde an. Schönfelder hat den Baum lange betrachtet und im Ornament seiner Rinde den Rohkörper einer figurativen Gestalt erblickt. Die folgende Arbeit an der Grafik war die Entwicklung der Naturskizze und deren Fixierung auf Kupfer, anschließend auch auf Papier. Schließlich verwandelte sich die "Platanenrinde", die mit dem raffinierten expressiv-groben Zeichenstil des Künstlers eine gute Kombination bildet, in das "afrikanische Paar" - zwei miteinander verschmolzene Figuren eines undefinierten Geschlechts mit Gesichtern, die wirklich an afrikanische Masken erinnern. Die linke Maske ähnelt dem Künstler selbst, sie ist sein fiktives Selbstbildnis (als so eine raue, stille, alte und faltige Platane möchte er sich möglicherweise selbst sehen), die rechte ist seine mystische, afrikanische "Frau."
Die Genesis dieser Grafik zeigt auf anschauliche Art und Weise das Grundarbeitsschema von Schönfelder, welches man vereinfacht als die Aufeinanderfolge folgender Ereignisse beschreiben kann: Beobachtung der Natur, Auswahl des Materials aus der Natur, Entwicklung des Materials und Schaffung einer neuen Natur.
Die neue von Fritz geschaffene vermenschlichte Natur unterscheidet sich von der alten dadurch, dass sie eine konstruierte Gestalt bzw. einen Kern enthält, der aktiv auf den, die Arbeit aufnehmenden, Betrachter einwirkt. Die alte Natur ist in der neuen in Gestalt von Elementen, die ihre ursprünglichen Funktionen verloren, ihre normalen Umlaufbahnen verlassen haben und augenblicklich merkwürdig, sonderbar geworden sind, präsent - mit ihnen geschieht die von uns bereits oben erwähnte Verseltsamung. Eine Leiter und alte Schlitten verwandeln sich in der Welt von Schönfelder in Krokodile, Teile des Fahrzeuggehäuses in ein Haifischmaul, ein Spatengriff in einen Phallus, ein schwarzer Schirm in eine Krähe, ein Papierteller in ein Chinesengesicht, ein Kamm in ein Universal-Ordnungsinstrument und ein Platanenstamm verwandelt sich in menschliche Figuren, seine Rinde in Gesicht, Hände, Brust und Bauch.

Auf dem Blatt Frau und Flugzeuge ist eine Frauengestalt mit einem Gesicht , dessen Züge leicht an die Ehefrau des Künstlers - Brigitte - erinnern, abgebildet. Die Zeichnung ist bis zu Konturen vereinfacht. Beine, Hände und Finger sind so kurz wie auf einer Kinderzeichnung, eine Hell-Dunkel-Modellierung fehlt, und Frau sowie Flugzeuge und Erde und Luft - alles besteht aus ein und derselben unruhigen grafischen Materie, übertragen in Form kurzer Striche - Impulsen der Angst, der Besorgnis, des Alarmes. Das sind die Nerven des schöpferischen Raums, das ist die emotionale Wolle, aus welcher auch die aufdringlichen Flugzeuge (erotische Fliegen, wie mir der Künstler erklärte) gewebt wurden.
Die Flugzeuge-Fliegen attackieren offensichtlich die Frau, die - wie in Ekstase - die Augen wie eine Heilige verdreht und den Mund geöffnet hat. Ein derartiges Sujet erweitert bis an die Grenze das Spektrum der Spekulationen über die Genesis dieses Stichs - von der originellen "Anti-Guernica" bis hin zu den französischen Erotikdarstellungen des 18. Jahrhunderts, auf denen Madam Pompadur von fliegenden Phalli mit Flügeln attackiert wird. Für mich ist diese Komposition eine in einem sehr verzerrten Spiegel der Gegenwart der letzten DDR-Jahre gebrochene Widerspiegelung der Bombardierung der Stadt Chemnitz, degradiert bis hin zur Szene der Attacke erotischer Wünsche des Künstlers - in Gestalt böser kleiner Insekten-Flugzeuge materialisiert - auf seine nackte Frau - Deutschland. Mich überzeugt dabei gerade die Stimmung der Unruhe, welche, die klar zum Ausdruck kommende Erotik und nicht zu verbergende Ekstase überwindet. Ich wiederhole: Die Kraft der Arbeiten von Fritz liegt in der Kombination seines sympathischen, hartnäckigen allerdings nicht hypertrophierenden Individualismus und seiner Blutsverbindung mit dem Boden Chemnitz, seiner Bevölkerung und seinem Schicksal. Das Gestöhn der zerbombten und geschändeten Stadt, Bitterkeit und Schmerz eines erniedrigten und sich selbst erniedrigenden Ost-Deutschen - das ist es, was in die Arbeiten von Fritz die Alarmstimmung hineinbringt, sie nicht komisch und nicht satirisch macht, wie man sich das angesichts ihres an Pop-Art grenzenden Stils vorstellen könnte, sondern sehr bitter, nahezu giftig.

Fritz Schönfelder hat zwei Mal studiert. 1968-71 - in der Nähe von Leipzig am Institut für Heimerziehung das Fach Sozialpädagogik, ab 1978 an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung Halle, Abteilung Malerei und Grafik (1981 wurde diese Ausbildung unterbrochen). Diese Duplizität zeigte auch auf seine künstlerische Methode Auswirkung - er verleiht der phantastischen Form eine soziale Gestalt und erzieht die Form.


Fritz Schönfelder, Puppe, 1995

Das Kunststoffwerk "Puppe" erhielt einen neuen - aus Quasi-Kinder-Würfeln geschaffenen "kubistischen" Körper. Die Puppe geriet in eine Art Gefangenschaft, die beginnend mit dem 20. Jahrhundert üblicherweise als "moderne Skulptur" bezeichnet wurde. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Die typische "abstrakte" Form der "modernen Skulptur" erhielt nicht nur eine Gefangene - die Sonnebergpuppe - sondern zusammen mit ihr auch eine intim kindliche, bedrückende , stark sozial umrissene Gestalt, erhielt, wie paradox das auch klingen mag, eine Seele.
Für mich ist diese in ihrem eigenen, aus blauen und rosafarbenen rechtwinkligen Blöcken bestehenden Körper gefangene Puppe (Variante - in ihrem eigenen Stacheldrahtkleid gefangene Puppe) das Bild der Heimat des Künstlers - der DDR - der verknöcherten, von der Bildfläche zwar verschwundenen, trotzdem aber immer noch im Bewusstsein von Millionen u.a. auch in Gestalt der vulgären Blondine mit den grünen Augen gegenwärtigen Heimat.

 

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