PICKNICK DER ENGEL
OBJEKTKÜNSTLER FRITZ SCHÖNFELDER


Der berühmte Esoteriker und Spezialist für fliegende Teller, D., antwortete auf die Fragestellung "Gab es in Chemnitz Außerirdische?" mit Überzeugung: "Ja, es gab sie." Und fügte hinzu: "Sie landeten auf dem Sonnenberg." Seit man mir dies erzählt hat, ertappe ich mich dabei, dass ich unbewusst Bestätigungen für diese unverfrorene Behauptung eines verantwortungslosen Mystifizierers suche. Klare Sache - er hat gelogen, weil er wusste, dass es nicht möglich ist, seine Aussage zu überprüfen. Und wenn er aber nicht gelogen, sondern intuitiv die Wahrheit erfasst hat?
In diesem Fall müsste auf dem Sonnenberg irgendwas zurückgeblieben sein, wenn nicht in der materiellen Schicht, so doch zumindest in den Seelen der Menschen, ihren Gedanken und in den regionalhistorischen Tendenzen. Es kann nicht sein, dass Ankömmlinge aus fremden Welten, die sich an hiesigen Orten aufgehalten haben, dort keinerlei Spuren von sich hinterlassen haben!
Und wenn man nur richtig sucht?
Bestens bekannt ist die Tatsache, dass "Engel" keine Roboter sind und Erholung brauchen, dass sie kleine "Picknicks" veranstalten. Möglicherweise fand eben ein solches Picknick der Engel irgendwann bzw. wenn man die obigen Aussagen berücksichtigt, findet es ständig auf dem Sonnenberg statt? Und vielleicht nahmen an ihm die kapriziösesten Vertreter des gesamten Geschlechts teil - Engel der Geschichte, Aufschneider und Spötter?

Leider habe ich weder genügend Zeit noch Wissen, um dieses für die Bewohner des Sonnenberges so überaus aktuelle Problem angemessen tiefgründig zu studieren, einige mir bekannte Fakten führe ich aber dennoch an.
Es entspricht nicht der Wahrheit, dass der Sonnenberg seinen Namen von einer unansehnlichen Kneipe bekommen hat. In prähistorischen Zeiten stand an der Stelle, wo sich heute die Markuskirche befindet, ein heidnischer, der Sonne gewidmeter, Tempel, wo menschliche Opfer erbracht wurden. Dunkle Erinnerungen an dieses auf einem Berg errichtete Gotteshaus, auf dem nach den Worten eines römischen Chronisten "nie ein Schatten fiel und wo nie die Sonne unterging", veranlassten die Nachkommen dazu, dem zukünftigen üblen Stadtteil so einen fröhlichen Namen zu geben.
In den Zeiten des tiefsten Mittelalters wurden auf den Gipfeln des Sonnenberges Hexen und Zauberer verbrannt, die nach unbestätigten Angaben geschworen haben, aus dem Jenseits zurückzukehren und Rache zu nehmen.
Während der Industrialisierung ereigneten sich in den Fabriken des Nachts seltsame Dinge, über die es nur vage, schriftlich nicht festgehaltene Gerüchte gibt - die Maschinen begannen, von selbst zu arbeiten, Riesen-Nähgarnspulen fingen an zu tanzen, in den Werkhallen wandelten halbtransparente Gespenster und - wie mir ein nüchterner Nachtwächter erzählte - "boten sie verschiedene unanständige Posen dar."
In der Epoche der "Goldenen Zwanziger" verschwanden nach Aussagen des hochgeschätzten Autors der Dokumentarchronik "Kannibalen des Sonnenberges", in diesem, vom Lumpenproletariat überfüllten Stadtteil, wo es von billigen Prostituierten nur so wimmelte, Menschen, und später fand man dann in dunklen Ecken und schrecklichen Kohlenkellern menschliche sterbliche Überreste. Solche Funde - und mitnichten irgendwelche Schlägereien - gaben der damals berühmten Bierkneipe "Kaiserkrone" den Spitznamen der "Blutige Knochen."
Im März 1930, während des SA-Truppen-Aufmarsches in der Hainstraße (später umbenannt in: "Straße der SA") kreisten am Himmel angeblich riesige Raben mit schwarzen Schnäbeln und roten Augen.
Am 9. März 1933 sahen viele Bewohner des Sonnenberges über dem Haus der Dresdner Straße 38 einen riesigen dunklen Ring. Er hing in der Luft und innen drin bewegte sich eine dunkle Luftmasse. Man erzählt sich, dass sie die Gestalt eines menschlichen Schädels hatte.
Im Jahr 1944, genau zu dem Zeitpunkt als man den Kupferbelag vom Dach der Markuskirche abzog, um ihn in Granaten umzugießen, hat eine Vielzahl von Leuten ein vom Himmel kommendes schreckliches Gestöhne, Geheul und Gezische, und während der unheilvollen Luftangriffe im darauffolgenden Jahr, von denen der Sonnenberg nahezu verschont blieb, ein seltsames Lachen sowie ein geheimnisvolles Läuten Tausender Glocken gehört.
1946 ist das Körner-Denkmal vom gleichnamigen Platz spurlos verschwunden. "Das waren die Russen! Das waren die Kommunisten!" - sagten viele, doch der hochbetagte Valentin Altmayer schwor, "...dass das Denkmal von allein seinen Sockel verlassen hat und mit dem Säbel in der Hand in Richtung Augustusburg verschwunden ist."
Während der sowjetischen Besatzung wurden im nahe gelegenen Zeisigwald angeblich erschreckende Experimente mit Psychowaffen von den Deutschen durchgeführt, die nach Aussagen von Opfern hauptsächlich gegen russische Frauen eingesetzt wurden (wovon diese dann an Tollwutanfällen litten).
Im November 1989 haben die Schwestern von Rippach - Bewohnerinnen des Sonnenberges - am nächtlichen Himmel seltsame, in verschiedenen Farben leuchtende Streifen gesehen. Die Streifen waren gebogen ("so wie Bananen", sagte die jüngere, Marthe von Rippach) und sie erschienen nicht von ungefähr, sondern so als würden sie von jemanden gelenkt werden. Die ältere Schwester, Margarete, behauptete sogar, dass sie wie gigantisch große Buchstaben aussahen, und dass sie ihren Augen nicht glauben wollend am Himmel das Wort "Scheiße" gelesen hätte, doch Marthe hat dies nicht bestätigt.
Im Februar 1990 wurden - keiner weiß, von wem und wie - unter ungeklärten Umständen aus Zweinigers Ballhaus die Bleiglasfenster und das Parkett gestohlen. Die dortigen Anwohner glauben, dass auch hier nicht alles - wie man früher sagte "mit rechten Dingen", heutzutage würde man formulieren "ohne die Hilfe von Außerirdischen", zuging - und im Mai desselben Jahres ist der Ballsaal abgebrannt, die Flammen des Brandes waren sogar vom Heckert-Gebiet aus zu sehen.

Ich erlaubte mir, ein wenig zu scherzen, nicht etwa, weil ich die hochverehrten Leser in Stimmung bringen bzw. böse machen möchte. Es ist nicht möglich, das Schaffen von Fritz Schönfelder ohne Berücksichtigung seiner zwei Grundvoraussetzungen - des phantastischen bzw. surrealistischen Verständnisses von der Form und des realistischen, dramatischen sowie zutiefst persönlichen und emotionalen Erlebens der Geschichte - zu beurteilen. Die Arbeiten Schönfelders sind der Form nach surrealistisch und dem Inhalt nach realistisch. In diesem Widerspruch liegt seine künstlerische Kraft verborgen, darin zeigt sich auch seine "soziale" Richtung. Seine verseltsamten (d.h. seltsam gemachten) Objekte muss man als Kern, den man nicht von seiner Schale - dem Sonnenberg mit seinen instand gesetzten Häusern und architektonischen Ruinen, seinen Hundert geschlossenen und einem Dutzend geöffneten Cafes, seinen vulgären Kindern, Trinkern, Spießbürgern und Autos trennen, nicht von der Geschichte der Heimat Schönfelders - Chemnitz - loslösen darf.

"Aber was haben denn die Außerirdischen damit zu tun?", höre ich die Frage eines misstrauischen Lesers. Alles. Nehmen wir das Unwahrscheinliche an - auf dem Sonnenberg landen Außerirdische. Sie werden von einer Sonderdelegation abgeholt und begrüßt. Diese lädt sie ein, eine Fabrik, eine Garage sowie das Amtsgericht zu besichtigen und zum Frühstück in das Hotel "Chemnitzer Hof". "Nein", entgegnen die Außerirdischen, "wir wollen weder Fabrik, Garage noch Gericht sehen, davon haben wir alles selbst im Überfluss. Wir wollen nirgendwohin fahren, sondern uns den Sonnenberg ansehen." Die Delegation ist fassungslos. Wohin sollen sie sie bringen, was ihnen zeigen? Das Kino "Weltecho" ist geschlossen, auch das "Europa" eine Ruine. Auf den Straßen zuhauf Hundekacke. Bordelle gibt es keine mehr, auch Museen nicht. Irgendwann gab es mal ein Theater. Womit soll man angeben?
Menschen gibt es ringsherum wenige, manche sind weggegangen, manche haben sich dem Trunk ergeben, manche sind auf die ganze Welt sauer - es ist kein Leben zu erkennen, der Stadtteil ist nahezu tot. Und plötzlich hat einer der Delegationsmitglieder eine Idee - diese Außerirdischen müssen wir in eine Künstlerwerkstatt führen! Sie stürzten los, begannen zu suchen und fanden in der Palmstraße, unter dem Dach eines finsteren Fabrik- und Lagergebäudes die Werkstatt von Fritz Schönfelder. Die außerirdischen Engelsgestalten sahen sie sich an und sagten: " interessant, hier ist es schön , hier werden wir ein Picknick veranstalten." Und das taten sie.

Fritz Schönfelder wurde am 10. Oktober 1943 in Chemnitz geboren. Etwa bis zu seinem siebten Lebensjahr wohnte er in der Hans-Sachs-Strasse 4. Seine Kindheit verbrachte er zwischen den Ruinen seiner durch Bomben zerstörten Stadt. Steine und Steinchen, Ziegelsteine, Balken, Glas- und Porzellanscherben, Draht, verstümmelte Puppen, kaputter Hausrat usw. - das war die Umgebung, in welcher seine Generation heranwuchs. Die Kriegskinder spielten in den Stadtruinen und der kleine Fritz hat schon damals aus den Scherben der Zivilisation seine kleinen Kinderwelten und Zoos gebaut. Und das tut er heute noch, nur bewusst, meisterhaft, in ausgereifter Form, unter Verwendung des gesamten Arsenals persönlicher und internationaler künstlerischer Mythen. Das Spröde, die Plumpheit und Antiästhetik sowohl der Grafiken als auch der Objekte Schönfelders lassen sich mit der genetischen Herkunft seiner Kunst - dem Müll eines zerstörten Lebens - erklären.
Der Meister rettet das, was der Vergangenheit angehört, verleiht diesem neue Gestalt, schenkt ihm neues Leben. Jenseitiges Leben, in welchem jeder nach seinen Verdiensten belohnt wird. Die Grundlage seiner Kunst (wie auch jeder anderen richtigen Kunst) ist das in das menschliche Programm integrierte Streben nach Wiederherstellung der absoluten Gerechtigkeit bzw. eines mystischen Gleichgewichts des Kosmos - nach der Auferstehung des Toten (indem ein Mensch geboren wird, erfolgt seine Auferstehung aus dem Nichts - lehrt Kabbala).
Indem er wiedergeboren wird, erhält die neue Schöpfung nach den komplizierten Gesetzen der Vergeltung einen neuen Körper, wobei er allerdings das Karma seiner Prototypen erbt. Und mit diesem Karma arbeitet der Meister Schönfelder in seiner surrealistischen Werkstatt.

 

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