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Albrecht Dürer, Hans Tucher und Felicitas Tucher, 1499, Weimar
Im selben kleinen Saal des Weimarer Museums sind zwei kleinformatige Porträts von 1499 aus der Hand des jungen Dürer ausgestellt: Hans und Felicitas Tucher. Die Eheleute sind als Brustbilder dargestellt. Er hält einen Ring in der Hand, sie eine Blume; der Hintergrund ist in beiden Fällen ein roter Teppich mit einem Ornament und eine Landschaft mit Bergen, Wald, einem Weg, Gewässern... Anfangs begriff ich nicht, dass dies vor mir Werke eines großen Meisters sind. Es geht darum, dass diese Bilder Dürers, wie auch viele andere Gemälde von ihm, den Eindruck hinterlassen, als seien sie nicht ganz fertiggestellt. Die Farben auf ihnen sind gleichsam leicht verblichen, d.h. sie sind vom äußerlichen Aussehen her in der Art von Tempera, ja selbst Gouache, obwohl sie der Logik und dem Stil des Werkes nach Ölfarben sein müssten. Es versteht sich, dass sie im Vergleich mit den kraftvollen, geschmolzenen, brennenden Farben Cranachs (auf den Porträts des Prinzenpaares) verlieren. Besonders ärgert dieses "gouachhafte" bei den Landschaften, wo das Fehlen von Halbtonmodellierung der Darstellung etwas protokollarisch Grafisches verleiht, die Landschaften in Landschaftsdekorationen verwandelt.
Das Gesicht Hans Tuchers auf dem Porträt ist das Antlitz des Menschen einer ermüdeten Zivilisation, ein modernes Gesicht. Der 42-jährige Finanzbeamte ist als zurückhaltender Sanguiniker mit einem Anflug von Melancholie dargestellt. Die schmalen, leidenschaftslosen Lippen sind zusammengepresst, unter den Augen dunkle Ringe, die prächtig eingeschnittenen, feuchten, leuchtenden Augen blicken beharrlich zur Seite. Wohin? Auf die Gattin, die ihm 14 Kinder gebar, von denen die Mehrzahl gestorben ist, oder auf sein hohes Alter (er lebte 80 Jahre, hatte die 9 Jahre jüngere Frau um 22 Jahre überlebt)? Oder dorthin, wohin man mit über 40 Jahren schaut - auf die mit dem Schnee der Vergessenheit bedeckten Berggipfel, die Dürer, der alles als natürliche Allegorie behandelt, in der Landschaft des Hintergrundes angeordnet hat?
In dieser alpinisierten Landschaft befindet sich die Welt im Zustand relativer Harmonie: Wolkenlos ist der Himmel eines Spätsommers oder frühen Herbstes, der Teich ist von Grün umgeben, die Burg von der Sonne beschienen, der Schnee auf den Bergen glänzt. Diese Landschaft ist eine natürliche Metapher des Lebens von Hans Tucher, seines Alters und Charakters. Sein Schicksal wird als gleichmäßiger langer Aufstieg zu den einem Menschen erreichbaren Berggipfel.
Nur ein Detail lässt eine gewisse Variation des Weges zu: Am nahe gelegenen Teichufer wachsen zwei Bäume, links neben ihnen steht ein Baumstumpf. Der Baum rechts ist vollwertig, mit Laub bedeckt. Dies ist die Metapher des rechtschaffenen Lebens. Der Baum links ähnelt einer Dryade - dies ist ein alter Stamm, der neue Schösslinge getrieben hat, das Symbol eines sündigen und sittlich fast vertrockneten Menschen, der jedoch gebüßt hat und aufgelebt ist. Aber der Baumstumpf links ist ein klares Zeichen sittlicher Verknöcherung, des Todes. Ich denke nicht, dass diese Details Zufall sind, die Bäume sind von Dürer absichtlich in der Mitte des kleinen Bildes im Bilde als eigenartige Ampel angeordnet worden. Nicht zufällig ist auch das kleine Figürchen eines mit der Sichel auf der Schulter schreitenden Menschen. Er hat eine gute Ernte eingebracht. Nicht zufällig ist ebenfalls die mit ihren Kanten funkelnde Burg am Bergeshang - dieses Zeichen spricht für sich selbst und ruft in der mythologischen Schicht des Bewusstseins Visionen der Gralsburg, des Himmlischen Jerusalems etc. hervor.
Die 33-jährige Felicitas Tucher schaut dem Betrachter direkt in die Augen. Seltsam ist dieser Blick ihrer großen, wie bei der Schilddrüsenkrankheit leicht hervorstehenden Augen. So blickt man nicht auf fremde Menschen. Eine Frau schaut so weder Kind, Mann, noch Liebhaber an. So sieht man auf das Schicksal oder auf den Tod (möglicherweise den des Kindes). Oder , was dasselbe ist, auf den dich porträtierenden Maler, der deinen geistigen Körper auf die Existenz in der Ewigkeit vorbereitet, dein mumifiziertes Charisma ins Jenseits sendet.
Ich habe dieser nicht mehr jungen, schwer gewordenen Frau lange in die Augen geschaut, und je länger ich schaute, um so wahnsinniger wurde ihr Blick. Ich erschrak, mir schien, als habe sie in unserer wechselseitigen Betrachtung die Oberhand gewonnen, d.h. als schaute in der Tat nicht ich auf das Porträt, sondern diese seltsame, vom Künstler belebte Komposition einer Farbsubstanz gestattete es, durch sich selbst hindurch auf mich zu blicken, durch diese wunderbaren femininen Augen, die der Melancholie selbst, dem Wahnsinn selbst und der Sinnlosigkeit des vergänglichen Lebens gehören.
Viel später erst begriff ich, dass Dürer, möglicherweise wiederum ohne sich dessen gänzlich oder teilweise bewusst zu werden, ein Medium der Melancholie war - ausnahmslos alle von seiner Hand ausgeführten grafischen oder gemalten Porträts bezeugen dies. Selbst wenn er ausgesprochene "Nichtmelancholiker" darstellt, presst Dürer aus ihnen den melancholischen Rest heraus, hinterlässt einen möglicherweise engen, doch begehbaren Weg für seine wahrhaftige Herrin. Alle möglichen Arten der Melancholie von der sanftmütigen, wie z.B. auf dem Auftragsporträt "Idealbildnis Kaiser Karl des Großen", bis zur grimmigen beim Apostel Paulus auf dem Münchner Diptychon sind in dieser Parade vertreten und sein berühmter Stich "MELENCOLIA I" ist lediglich eine unmittelbare, aber nicht die stärkste Personifizierung dieses vom melancholischen Geist Durchdrungenseins des Künstlers.
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