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Es ist eine Klage, ein Schrei, ein Stöhnen und ein Ausatmen des in Todesmeditation versunkenen Kunstmalers und der über die vergängliche Natur des Menschen grübelnden, beflügelten Melancholie.
Warum darf sie nicht so denken wie der, der sie erschaffen hat? Es ist offensichtlich, dass der Meister in seiner grafischen Hauptarbeit seine Hauptidee, seine Zweifel, seine Furcht und seine Hoffnung gezeigt und dargestellt hat. Es hilft nichts! Nicht die Arbeiten zur Ausgestaltung des Universums, für welche die verschiedenen, im Stichfeld liegenden und hängenden Gegenstände bestimmt sind, nicht die Ergebnisse dieser Arbeiten - Kugel und Polyeder, nicht Magie (Quadrat), Weisheit (Buch), Mathematik (Zirkel), Macht (Schlüssel) und Geld (Geldbeutel)... Trotzdem rinnt Sand in der Uhr, läutet die Sterbeglocke, kommt unverhofft der seine Schnauze bereits im Spiegelbild auf der Polyederfläche zeigende König-Tod und holt seine Beute ab. Das ist das Los eines Sterblichen. Und die unsterbliche Melencolia bedauert die Menschheit und denkt über die Absicht Gottes nach.
Kein Ding hilft für den zeitling Tod - dies sagt auch der "erste" Tod, der Dämon als Leichengestalt auf der Mähre, und zeigt dem Ritter die Sanduhr, und der "zweite" Tod, der Teufel, den nach dem Gericht seine Seele ereilt, wiederholt (wie eine Zweitstimme): Do entfleucht Keinr dem Richter nicht .
Die Sanduhr sehen wir auf allen drei Meisterstichen. In all diesen Uhren ist der Sand zu zwei Dritteln aus dem oberen Gefäß in das untere geflossen. Es könnte den Anschein haben, wovor sich der Ritter damals auch fürchtete, bis zum Ende ist es noch weit! Aber der Tod kommt auch vor der Zeit.
Der von Dürer dargestellte Ritter ist ein Bandit, ein Räuber und Sünder. Einem heiligen Mann schickt man keinen gehörnten Teufel mit einem Hakenstock - es lohnt nicht. Man muss nicht diese Szene mit der häufig anzutreffenden Szene der Einschüchterung und Verführung eines Heiligen durch den Teufel verwechseln. Hier ist alles klar, der Teufel ist gekommen, die Seele des Sünders zu holen, und hat schon seine Pfote auf ihn gelegt. Über den Ritter wurde gesagt: ....
Darum, o menschlich Härtigkeit,
Warum sind dir dein Sünd nit leid?
Er ist auch die Verkörperung dieser "Härtigkeit" (aber keineswegs der "vita aktiva"). Davon zeugt seine ganze Gestalt. Und Dürer übergab seinen Ritter in die Gewalt von Tod und Teufel. Diese schrecklichen Gefährten bemerken übrigens weder der Ritter, noch der Hund und sein schönes Pferd (wegen dem nach
der berechtigten von Anzelewsky der Stich aller Wahrscheinlichkeit geschaffen worden ist - Deutschland hatte keine eigenen solcher Pferdedenkmäler wie beispielsweise den venezianischen "Condottierre", es hatte auch keine "Quadriga" - und so beschloss Dürer, diese Lücke zu schließen). Der harte Ritter dreht sich nicht einmal um und setzt seinen Weg durch die dunkle, steinige, unfruchtbare Schlucht fort (ausgetrocknete Wurzeln und Bäume sind Metaphern für seine Seele). In unerreichbarer Höhe steht ein phantastisches Schloss, Heimstätte erhabener Seelen.
Dort irgendwo in der Höhe sitzt auf der Sonnenseite der Welt der heilige Hieronymus in seinem lichtdurchfluteten Studierzimmer. Über ihn wurde gesagt:
Darum dienent Gott fruh und spot...
Durch allein du furchtest hie Gott,
Dadurch entrinnst dem ewing Tod.
...
Darum heb an, noch Christo z leben,
Der kann dir ewigs Leben geben.
Deshalb kein zeitlichs Ding ansich,
Aber noch künftigem richt dich.
Und thue stets noch Gnaden werben,
Als solltest du alle Stund sterben.
Genau so lebt auch der Heilige, der Schädel auf seinem Fensterbrett mahnt ihn vor dem Tod, in seinem Zimmer gibt es nichts, was Zeugnis für Eitelkeit seines schaffenden, an der Vulgata arbeitenden Besitzers sein könnte. Der unheilschwere Schädel liegt auch auf dem Weg des Ritters, dieser aber schenkt ihm keine Beachtung; im sakralen Raum der "MELENCOLIA I" wurde für den Schädel kein Platz gefunden, nur für dessen Spiegelbild - es gibt dort kein Subjekt um ihn zu mahnen.
Das Leben von Hieronymus ist " noch Christo z leben ", aber keineswegs "vita kontemplativa", was auch die "Legenda Aurea" bestätigt.
Wer ein lauter Gewissen hat,
Der furchtt den Tod nit früh und spat,
Das erhabene Wort "lauter" entspricht beeindruckend exakt der Lichtfülle des Zimmers, in welchem der Heilige arbeitet (in der "Legende Aurea" wird über ihn gesagt: rein in seinem Sinn durch Lauterkeit ). Das Licht an den Wänden und der Holzdecke, auf dem Kürbis und dem Fußboden, die Transparenz der runden Fensterscheiben, das Leuchten des Kopfes von Hieronymus, das Licht auf dem runden Schlapphut sind alles Metaphern für die Reinheit und die Fülle an Licht im Gewissen und in der Seele des Heiligen. Welch Wonne und Harmonie! Plötzlich aber endet die Wonne. Wir lesen und glauben unseren Augen nicht:
Und fragt nit viel noch langer Zeit,
Die uns Gott hie auf Erden geit.
Gar selten gschichts in langem Leben,
Dass sich die Leut in Bessrung geben.
Sie mehren aber dick die Sünd,
Wollt Gott, dass ich kurz wol leben künnt!
Wiewol es forchtsam ist zu sterben,
Langs Leben thut nit allweg werben
Göttliche Gnad und Innigkeit,
Mehrt aber dick das hellisch Leid.
Ein langes Leben vermehrt nur die Sünden und verlängert das Leiden in der Hölle, führt nicht zur Vervollkommnung und nicht zum Erwerb von göttlicher Gnade und Barmherzigkeit. Es ist besser, jung zu sterben! Dies ist keine menschliche Idee , so kann nur ein unsterbliches Wesen urteilen - die beflügelte Melancholie, welche aus ihrer rechten Ecke nachdem sie mit dem Zirkel gemessen und auf der Waage das paradiesische postume Dasein nach einem kurzen Leben und das hohe Alter abgewogen hat, sowohl den Ritter als auch Hieronymus beobachtet.
Dürer betont das Primat des jenseitigen vor dem normalen Leben:
Dem die Stund seines Tods allweg
Wolbetrachtt in seim Herzen läg,
Und sich all Tag zum Sterben schickt,
Den hätt göttlich Gnad angeblickt.
Und würd in dem rechten Fried stahn,
Den Gott gibt und Welt nit geben kann.
Das ist eine Anklage gegen den Ritter, der den bereits angekommenen Tod ignoriert und sich nicht um ein Leben nach dem Tode kümmert, sowie eine ergänzende Definition des Lebenscredos von Hieronymus - das ganze lichtdurchflutete Zimmer und insbesondere der gezähmte Löwe sind Zeichen für den " rechten Frieden ... Den Gott gibt und die Welt nit geben kann. " Auf dem Kupferstich "MELENCOLIA I" entspricht diesem göttlichen Frieden und dieser Ruhe der Regenbogen am Himmel sowie der ganze symbolisch über die Welt gehobene Altan, wo auch die Melancholie friedlich sitzt, sich der kleine Putto friedlich beschäftigt und der Windhund friedlich schläft. Im weiteren folgen Passagen, die der Leser, die "Meisterstiche" vor Augen, leicht selbst interpretieren kann. Ich verweile nur an einer Stelle am Ende des Gedichtes.
Darum welcher wol sterben will,
Der thu willig guter Werk viel
Und setz sein Trauen gar in Gott,
So kann er nit werden zu Spott.
Ihn verlässt auch nimmer Gotts Kraft,
Und führt ihn in himmlisch Gsellschaft.
Diese oft und in unterschiedlicher Form in den Texten des Kunstmalers anzutreffende Belehrung könnte man als die Quintessenz seines und die des Lebenscredos von Hieronymus bezeichnen. Nach Aussagen seines Freundes lebte und starb er auch so "wol": ... denn er hat wie ein frommer Biedermann gelebt; so ist er auch ganz christlich und selig verstorben... (Aus einem Brief von Willibald Pirckheimer an den Wiener Baumeister Tscherte, 1530)
Der Ritter wird "nicht gut" sterben und sein Schädel wird möglicherweise auf der Straße herumliegen (wie auch auf dem Stich dargestellt), seine Seele erfreut als gesetzmäßige Beute den einhörnigen Teufel (der auch etwas melancholisch ist). Er findet aus der dunklen Unfruchtbarkeit seines eigenen Bewusstseins, aus der Welt, geschaffen durch seine Taten und Absichten, nicht heraus, da hilft ihm auch nicht das schöne Pferd , davor schützt ihn auch seine Paraderüstung nicht...
Nachdem er viele gute Taten vollbracht hat, stirbt der blinde, ausgemergelte Hieronymus einen stillen Tod, und geht zu dem, dem er sich anvertraute.
Der Kunstmaler Dürer verwandelt sich in ein Werk der eigenen Kunst.
Die Melancholie ist eine von denen, die ihren irdischen Anteil beweint und nach ihrem Tod die himmlisch Gsellschaft leistet.
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