 |
Wie lang Zeit er sei gesessen
In der Hell oder Fegfeuer
Und leid do gross Ungeheuer.
Wer nit noch Fürsichtigkeit stellt
Und rechte Treu bei ihm selbs hält,
Der darf Niemand kein Schuld geben,
Ob er in seim Tod und Leben
Von Gott und Menschen glassen würd,
Dann er hat sich hie selbs verführt.
Darum welcher wol sterben will,
Der thu willig guter Werk viel
Und setz sein Trauen gar in Gott,
So kann er nit werden zu Spott.
Ihn verlässt auch nimmer Gotts Kraft,
Und führt ihn in himmlisch Gsellschaft.
Albrecht Dürer hilft den Rat geben,
Wollt Gott, ich künnt selbst also leben.
Das soll wir fröhlich All begehrn
So wird uns Gott Erbärmd gewährn .
Der Tod, seine Rechtfertigung und Überwindung, ist das Leitmotiv dieses vom Autor "christlich" genannten Gedichtes. Christus selbst wird in diesem Gedicht nur einmal als Muster korrekten Verhaltens und Überbringer des ewigen Lebens erwähnt. Der unbedingt mit gewissen Zeitmerkmalen ausgestattete Tod ( den zeitling Tod, dem ewing Tod, furchtt den Tod nit früh und spat, all Tag zum Sterben schickt, des Todes Stund ) und der mit ihm einen Reim bildende, allmächtige, alles an seinen Platz positionierende und alles vollendende Gott, dieses unsterbliche Paar, wird dem sterblichen Menschen gegenübergestellt.
Der sündige Mensch ist zum "ersten" Tode des Körpers verdammt. Nach der rationalen Ansicht des Autors lieber zu einem frühen als zu einem späten Tod. Dürer begründet dies mit folgenden Argumenten: ein langes Leben führt selten zur Verbesserung des Charakters eines Menschen. Je kürzer das Leben, desto weniger die begangenen Sünden. Nach dem jüngsten Gericht erwartet ihn sein "zweiter" Tod. Der Sünder ist an Zeit und Vergänglichkeit gebunden, ihn beunruhigt seine Sünde nicht, Gutes tut er nicht, ihm scheint der Besuch der Messe für die Rettung ausreichend zu sein, für all das erwarten ihn Fegefeuer und Hölle, das von Mensch und Gott Verlassen-Sein im Leben und im Tod sowie die Übergabe an den Satan. Die Erinnerung an ihn schwindet mit dem Abklingen des Tons der Trauerglocke.
Um all das zu vermeiden, überzeugt der Autor den Menschen davon, zu Christus aufzusteigen, nicht auf das Vergängliche zu schauen sondern den Blick in die Zukunft zu richten, unaufhörlich, so als müsstest du jetzt sterben, Gott um Gnade und Barmherzigkeit zu bitten, die eigene Vervollkommnung nicht auf Morgen zu verschieben und der Sünde zu entsagen.
Dürer betont: ein Mensch mit einem reinen Gewissen fürchtet den Tod nicht, ihn giert nicht nach einem langen Leben. Derjenige, der den Tod ständig vor Augen hat, sich ihm unaufhörlich opfert, wird die Welt, Kraft sowie die Gnade und Barmherzigkeit Gottes gewinnen, Glückseligkeit und keine Traurigkeit in der Stunde des Todes empfinden, er muss Gott beim jüngsten Gericht nicht fürchten, da er bereits zu Lebzeiten Reue für seine Sünden gezeigt hat. Der Autor lehrt: derjenige, der sich von der Welt lossagt und sich freiwillig in diesem Leben demütigt, wird Hoffnung gewinnen. Wer gut sterben will, muss gute Taten vollbringen und sich vollkommen auf Gott verlassen. Ihm wird die Kraft Gottes nicht versagt, ihm steht das himmlische Reich offen. Hier hört man die christliche Überzeugung heraus, unter den "Humanisten" bei weitem nicht offenkundig. Beispielsweise Sebastian Brant, im 85. Kapitel seines Werkes "Das Narrenschiff", wofür der junge Dürer die Illustrationen machte, den Triumph des Todes beschreibend, erwähnt nicht einmal dessen Überwindung in der Auferstehung Jesus Christus sowie die Möglichkeit eines Gläubigen, gemeinsam mit ihm aufzuerstehen. Das Gedicht Dürers kann man als vom Meister zum Schutz seines Unterbewusstseins vor der Todesangst entwickelte verbale Konstruktion beurteilen. Das ist keine Zusammenfassung - das ist eine Selbstbeschwörung, welche die Prophezeiung über seinen eigenen "zeitling" Tod geworden ist.
Die "christlichen Reime" wurden zusammen mit dem Holzschnitt "Der Tod und der Landsknecht" (unten links) als Flugblatt gedruckt. Logischerweise ist auf dem Holzschnitt die Begegnung des Menschen mit dem Tod dargestellt.
Mit der linken Hand hält dieser den Landsknecht fest im Griff, die rechte zeigt ihm die mit der Sonnenuhr kombinierte Sanduhr. Es fehlen Konflikt, Drama, Kampf. Es wurde ein gewisses, von dem Ideologen Dürer immer gewünschtes Gleichgewicht beobachtet, zwei Thesen stehen direkt nebeneinander. Aufgrund des Fehlens einer Antithese (alle Antithesen verblieben im Unterbewusstsein des Kunstmalers) wird keine Synthese entwickelt und eine nicht triviale Einheit gebildet von nicht miteinander in Konflikt stehende, sich aber in die Augen schauende Gegensätzlichkeiten. Die zwei Figuren stehen am Rande der irdischen Existenz, dort, wo die Grenze zwischen den Welten verläuft, dort, wo die irdische Zeit endet (der grinsende Dämon des Todes hätte dem Landsknecht die Uhr mit dem erstarrenden, zu rieseln aufhörenden Sand zeigen müssen). Das irdische Leben ist beendet und es hat keinen Sinn, weiterhin in der Welt der Materie zu verbleiben, nach einigen Monaten wirst du so aussehen wie ich jetzt - diese Mitteilung vernehmen der Landsknecht (und Dürer) ruhig. Vor dem Landsknecht steht kein besonderer Dämon, sondern seine eigene, aus der Zukunft gekommene Leiche, um seinen ehemaligen Besitzer zur Vernunft zu bringen, (es existiert eine Theorie, wonach alle Geister, außerirdischen Erscheinungen und UFOs misslungene Versuche unserer Nachkommen sind, die Zeitmaschine zu testen und auf die Vergangenheit Einfluss zu nehmen, viele berühmte Kunstwerke aber sind - gelungene ).
Der Landsknecht ist nicht alt, vollkommen konform mit der Empfehlung Dürers, dass es besser sei, nicht alt zu sterben. Er kämpft nicht mit dem Tod, obwohl er bewaffnet ist. Er hat auf ihn gewartet und ist bereit für ihn. Der Tod verfolgt nur diejenigen, die keine Buße taten, für sie ist es schrecklich zu sterben, sie ahnen, dass ihnen ewige Qual bevorsteht und versuchen, fortzulaufen oder zu kämpfen. Der Holzschnitt Dürers ist nicht nur eine für den Betrachter und Leser bestimmte Warnung und Mahnung, er ist ebenso wie der Text selbst, ein Versuch, eine bestimmte Schutzstrategie des eigenen, allzu rationalen, allzu praktischen Bewusstseins, um sich mit dieser Zweiteilung des Menschen in den verwesenden Leichnam und irgendein geistiges Wesen abzufinden, allzu religiösen , um an diese Zweiteilung nicht zu glauben, zu fixieren.
Dürer war in jenen Jahren ein richtiger strenggläubiger Katholik (es genügt schon, an die von ihm in den Jahren 1509-10 fertiggestellten grafischen Zyklen und die nach Auftrag von ihm gefertigten Altäre zu erinnern), kein Papist, aber ein Katholik - ein Mensch von Angst und Ordnung, der durch die eigene Vervollkommnung, Kultivierung der Umwelt sowie Kauf der Sündenvergebung versucht, nachdem er sich mit dem ersten Tod abgefunden hat, den zweiten zu besiegen. Dürer hat eine solide Portion Angst abbekommen. Wir, liebe Kollegen Kunst-Liebhaber, hatten Glück, wäre die "Wittenberger Nachtigall" (die Dürer von der Angst befreit hat) zwanzig Jahre eher geboren, hätten wir weder die "MELENCOLIA", noch den "Ritter", noch Hunderte andere Werke zu sehen bekommen, es wären lediglich die "realistischen" Bildnisse und die tristen Bilder in der Art des Werkes "Die vier Apostel" geblieben... Die Angst und nicht nur die Suche nach idealen Proportionen, Geheimnissen der Perspektive usw. war der kraftvolle Motivations-Motor, der den Stichel und Pinsel von Dürer über Tausende Felder seiner Werke gezogen hat.
Der Gedichttext, wenn man ihn als eine Art Bewegung des Menschen vom Leben zum Tod, über diesen zum jüngsten Gericht und weiter betrachtet, hält aber dort inne, wo auch der Stich innehält, dort, wo plötzlich die Evangeliums-Erzählung stockt - an der Grenze zwischen Leben und Tod, bei Golgatha. Dort endet auch der "nicht bis zum Ende Christus vertrauende" religiöse Verstand des westlichen Christentums und beginnt die Entfaltung des östlichen Christentums, welches, wie die gesamte Predigt von Christus auf das Sein nach der Auferstehung, auf das jenseitige Himmlische Reich orientiert.
Bei all ihrer Schönheit und all ihrer unglaublichen technischen Meisterschaft kam die Grafik Dürers auch nicht weiter als bis zum Tor der Auferstehungswelt und blieb dabei in der materiellen Sphäre. Ungeachtet der eigenen Predigt, fürchtete der Meister offensichtlich, die echte Grenze zu überschreiten. Am Schluss des Gedichtes, nach den Bedrohungen, den Strafpredigten und der Todeshymne bittet er plötzlich Gott um das Leben, und nicht um das ewige, sondern um das einfache Leben.
Es wurde vielfach betont, dass "Die Meisterstiche" keinen Zyklus bilden, und ich will das auch nicht bestreiten. Ich habe sie einfach ohne Hintergedanken zusammen aufgehängt, und sie haben bei mir im Schlafzimmer an der Wand - ob man will oder nicht - einen solchen Zyklus gebildet. Beim Lesen des "christlichen" Gedichtes flog mein Blick unbeabsichtigt von den Textzeilen auf die Reproduktionen und zurück. Es war schwer, nicht zu bemerken, dass die "christlichen Reime" das "Szenarium" für die drei Meisterstiche sein könnte.
Wie der Leser schon gemerkt hat - in mir bohrt der Gedanke, dass die "MELENCOLIA I" etwas sehr einfaches, naives wie Gedichte Dürers ist. Dass sie keinen echten romantischen, magischen bzw. astrologischen "Symbolismus" enthält, und es sinnlos ist, einen solchen zu suchen.
Genauer ausgedrückt bedeutet es, dass der ganze "Symbolismus" nicht über das einem wenig gebildeten Kunstmaler zugängliche elementare Attribuieren auf der Stufe von Skizzenbemerkungen hinausgeht - " Sclüssel betewt gewalt, pewtell betewt reichtum... " Dürer könnte fortfahren: die Waage bedeutet Gleichgewicht, die Uhr - Vergänglichkeit, die Treppe - geistiger Aufstieg, die Glocke ist Mahnung an die Stunde des Todes, die Pose der beflügelten Figur - die Melancholie (als Zustand) usw.. Der Hobel bliebe aber offensichtlich ein Hobel, das Lineal ein Lineal, die Nägel blieben Nägel (das bezeugt deren Nähe zum Lineal), der Hammer ein Hammer, die Zange eine Zange... Der Blasebalg ist keine Vorrichtung zum Einblasen sündhafter Gedanken in die geöffneten Seelen der Sünder (wie er oft auf anderen Arbeiten Dürers benutzt wird), er ist einfach ein Werkzeug. Hierbei ist wiederum sein Standort wichtig - da der Gegenstand ja nun nicht dem Verführer gehören kann, der sich unter dem Rock der beflügelten Melancholie befindet. Wenn man schon mit dem Symbolismus spielt, muss auch die Position des Gegenstandes ein symbolisches Gewicht haben, was zur Absurdität führt. Ebenso wie der Tiegel kein alchimistisches Gerät, sondern dem Kunstmaler bekanntes Zubehör einer Juwelierwerkstatt ist. Auch das Schreibgerät in Symbole umzuschreiben ist schwierig.
Der Polyeder ist natürlich kein "philosophischer Stein", sondern einfach die Leistung eines stolzen Kunstmalers und Geometer. Die Kugel spielt hier möglicherweise die Rolle des Universummodells, aber eher ist sie trotzdem die runde Ergänzung zum facettenreichen Polyeder.
Der Regenbogen ist das Symbol für den ersten Bund zwischen Gott und Mensch nach der Flut, der Komet das Vorzeichen einer Katastrophe. Das Vorhandensein des magischen Quadrates lässt natürlich Nebel herein, hier aber spielt es eher die Rolle eines Amuletts, nicht die eines Zeichens.
Aus diesem ärmlichen Material komplizierte konzeptionelle Modelle aufzubauen, ist natürlich amüsant, aber nicht überzeugend. Es überzeugt nur eine einfache Lösung und die liegt für alle zugänglich auf der Oberfläche, über sie braucht man nicht so viel reden. Und diese Lösung vereint nicht nur alle verschiedenartigen Gestalten des Stichs "MELENCOLIA I", sondern auch alle drei "Meisterstiche." Dürer formulierte sie selbst in der ersten Zeile der "christlichen Reime" wie folgt:
Kein Ding hilft für den zeitling Tod.
zurück zur Übersicht |
 |