Also spricht hie Albrecht Dürer:
Wer ganz bös ist, der ist Gutes leer.

Die letzte Gedichtzeile unterstreicht in besonderer Weise die Polarität des Denkens des Meisters: das Weiße - das Gute und das Schwarze - das Böse schaffen in seinem Bewusstsein ein symmetrisches Bild der moralischen Welt. Auf einer Seite der Grenze liegen weiße, positive Blöcke des Guten, auf der anderen die ihm entsprechenden schwarzen, negativen Blöcke des Bösen. Es gibt in dieser Welt keinerlei Halbtöne bzw. Zweideutigkeiten, das Gute darf kein bisschen böse und dem Bösen wird nicht zugebilligt, wenigstens ein bisschen gut zu sein, und wenn das trotzdem so aussieht, bedeutet das, dass das Böse ein falsches Spiel treibt und betrügt usw. Eindeutigkeit und Schwarz-Weiß-Charakter dieser Welt entsprechen der konstruktiven Sprache der grafischen Werke Dürers.

Das oben zitierte Gedicht Dürers (ebenso wie die Mehrzahl seiner anderen Texte) ist kein vollständiges, aber ausreichend klares Modell der Denkweise des Kunstmalers und schließt jegliche Ambivalenz aus. Dürer dachte konkret, präzise und eindeutig wie ein Juwelier und nicht wie ein Zögling einer philosophischen Akademie. Gegenüber den Philosophen hatte er einen wichtigen Vorteil, er musste keine Dissertation verteidigen, ihm bereiteten seine Sünden und sein Einkommen größere Sorgen.
Ich sehe die Einwände der Kenner der deutschen Renaissance schon voraus, die trotzdem eine Dissertation zu verteidigen hatten. Es ist schwer, zu akzeptieren, dass Dürer aller Wahrscheinlichkeit nach absolut nichts von den überaus mehrdeutigen und komplizierten , wenngleich auch süßen, Konzeptionen des romanischen Neuplatonismus verstand, und wirklich wie ein Schuhmacher urteilte - einfach und klar (ich muss die Gelehrten nicht daran erinnern, was es für Schuster gegeben hat, es genügt, an Jakob Böhme zu denken). Und wenn die einfache und klare Bedeutung des Stichs "MELENCOLIA I" bis heute nicht formuliert worden ist, dann ist das eher ein Beweis der Unfähigkeit der Interpreten, sich von ihren eigenen aufdringlichen Vorstellungen zu lösen, und ihres Drangs , spekulative Konstruktionen zu entwickeln, als dass dies an der komplizierten Absicht Dürers läge.
Dürer als Kunstmaler verfügte über ein gewaltiges Talent, Dürer als abstrakter Denker war einfach ein frommer Christ. Er war Beobachter, Vermesser und Zeichner der Natur. Ihre Landschaften, Bäume, Tiere und ebenso der kulturelle Raum - die Antike mit ihren Herkules- und Apollofiguren, waren für ihn, dem Zeitgeist entsprechend, die Polygone, auf denen sich die christlichen Mysterien abspielten. Auf dem Niveau von Konzeptionen wurden fast alle seine allegorisch-symbolischen Arbeiten von seinen Freunden und Humanisten entwickelt bzw. waren teilweise oder vollständig berühmten oder nicht berühmten italienischen Quellen entlehnt.
So ist z.B. der Titel-Holzschnitt "Die Philosophie" - eine der langweiligsten Arbeiten Dürers, der aber dessen ungeachtet aufgrund des reichhaltigen symbolischen Materials seines Inhalts von Kunstwissenschaftlern ständig erörtert wird, nach dem Programm von Conrad Celtes entstanden. Die Armee von Kunstwissenschaftlern bemerkt kaum, dass in dieser Arbeit das wunderbare Talent Dürers vergewaltigt wird.

Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass sich in Zukunft beispielsweise bei irgendeinem Giovanni Bellini auch der Prototyp der "MELENCOLIA I" findet, oder einfach auf einem venezianischen Friedhof bzw. römischen Sarkophag. Das wird den Verdienst Dürers, der sich nicht mit Konzeptionen und dem Neoplatonismus, sondern durch seine Gabe für Kompositionen und seine Zeichenkunst einen Namen gemacht hat, überhaupt nicht schmälern. Wie wir bereits bemerkt haben, sind die Kompositionen Dürers weitaus stärker und interessanter als die in ihnen verborgene Moral. Wie langweilig und lästig moralisierend wird beispielsweise der Kupferstich "Der Traum des Doktors", wenn er wirklich, wie von Forschern festgestellt, als Illustration der Maxime "die Wurzel der Sünde liegt im Müßiggang" dient. Wie stutzt das die Flügel sowohl der Phantasie des Betrachters als auch der Kunst Dürers.

Zitat 4

In dem kleinen Gedicht "Ein Gebet" bittet der Autor, ihm Reue und Leiden zu schenken:

O allmächtiger Herr und Gott,
Die gross Marter, die glitten hot
Jesus, dein eingeborner Suhn,
Damit er für uns gnug hat thun,
Die btrachten wir mit Innigkeit.
O Herr, gib mir wahr Reu und Leid
Über mein Sünd und besser mich,
Des bitt ich ganz mit Herzen dich.
Herr, du hast Überwindung thon,
Drum mach mich theilhaft des Siegs Kron.
 

Man möchte wiederholen: welche Sünde hatte Dürer so belastet? Ich weiß es nicht.
Ein weiteres indirektes Selbstbildnis des büßenden Kunstmalers sehen wir am Holzschnitt "Der Büßende" - welcher einen sich auspeitschenden Mann mit freiem Oberkörper darstellt, der vor dem Altar niederkniet, auf dem ein Schrein steht, der dem des heiligen Sebaldus aus der gleichnamigen Nürnberger Kirche höchst ähnlich ist. Er gibt uns auch keine Antwort. Dieser Schnitt wird ebenso wie das zitierte Gedicht aus dem Jahr 1510 datiert. Die Augen des Büßenden sind niedergeschlagen, das an den gedemütigten aber eleganten Retter auf dem Holzstich "Die Schaustellung Christi" aus dem Zyklus "Die große Passion" erinnernde Gesicht ist leidvoll, der Büßende ist in sich vertieft - er kämpft gegen die Rebellion von Körper oder Geist. Seine diesmal nicht elegante Figur ist in einem steinernen geometrischen Raum mit einer nicht ganz korrekt aufgebauten Perspektive untergebracht, was ihm etwas Unheilvolles verleiht.

Zitat 5

Das folgende Gedicht aus dem Jahr 1510, vom Autor "Die Christlichen Reime" genannt, ist der Schlüssel für das Verständnis der Weltanschauung von Dürer, ich zitiere es vollständig:

Kein Ding hilft für den zeitling Tod,
Darum dienent Gott fruh und spot.
Dann wir mögen wol erspähen,
Dass bald um ein Mensch ist geschehen.
Und so wir heut ein Mensch haben,
Vielleicht wird er morn vergraben.
Darum, o menschlich Härtigkeit,
Warum sind dir dein Sünd nit leid?
So du doch wol bist vernehmen
Dass Gott all Bös würd beschämen
In Ewigkeit durch sein streng Gricht,
Do entfleucht Keinr dem Richter nicht.
Durch allein du furchtest hie Gott,
Dadurch entrinnst dem ewing Tod.
Darum heb an, noch Christo z leben,
Der kann dir ewigs Leben geben.
Deshalb kein zeitlichs Ding ansich,
Aber noch künftigem richt dich.
Und thue stets noch Gnaden werben,
Als solltest du alle Stund sterben.
Spar dein Bessrung nit bis auf morn,
Dann ungwiss Ding ist bald verlorn.
Besser ist sich von Sünden ziehen,
Dann den zeitlichen Tod fliehen.
Wer ein lauter Gewissen hat,
Der furchtt den Tod nit früh und spat,
Und fragt nit viel noch langer Zeit,
Die uns Gott hie auf Erden geit.
Gar selten gschichts in langem Leben,
Dass sich die Leut in Bessrung geben.
Sie mehren aber dick die Sünd,
Wollt Gott, dass ich kurz wol leben künnt!
Wiewol es forchtsam ist zu sterben,
Langs Leben thut nit allweg werben
Göttliche Gnad und Innigkeit,
Mehrt aber dick das hellisch Leid.
Dem die Stund seines Tods allweg
Wolbetrachtt in seim Herzen läg,
Und sich all Tag zum Sterben schickt,
Den hätt göttlich Gnad angeblickt.
Und würd in dem rechten Fried stahn,
Den Gott gibt und Welt nit geben kann.
Darum welcher recht leben thut,
Der überkummt ein starken Mut.
Und ihm erfreut des Todes Stund,
Darin ihm Seligkeit würd kund.
Er furchtt auch nit Gott den Richter,
Dann er was hie sein selbs Schlichter
Durch Buss, damit er hie erwarb
Gotts Gnad auf Erdrich, eh er starb.
Welcher die Welt thut aufgeben
Und verschmächt sich in dem Leben,
Dem kummt ein solch stark Hoffnung ein,
Dass er Niemands denn Gotts muss sein.
Wer aber gute Werk will sparn,
Bis er schier von hinnen soll fahrn,
Und verlässt sich auf Messlesen
Und verhofft dardurch zu gnesen,
Den bezahlt man mit Glockentan,
Domit lauft sein Gedächtnuss dorvan

 

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