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Warum hat er ein für die Epoche so untypisches Interesse an der Darstellung seines Körpers entwickelt, so peinlich genau und hyperrealistisch seine Geschlechtsorgane, Hände und Brust gezeichnet. Nur aus einem naturwissenschaftlichen Interesse heraus als Rohstücke für synthetische Arbeiten, oder offenbarte sich hier ein als Interesse zur Natur getarnter unterbewusster Exhibitionismus? Möge der Leser darüber nachdenken, von welchem Künstler ihm Brust oder Bauch so gut bekannt sind wie die Brust und der Bauch mit der schlaffen Haut Dürers? "Nackte" und "Christomorphe" Selbstbildnisse - weitaus rätselhaftere und vielversprechendere Phänomene als das Rätsel derselben "Melancholie", die man nicht im vollen Ernst als "dicker gewordenen Dürer im Rock und ohne Bart, aber mit Flügeln" bezeichnen kann... Ob dies eine latente (oder nicht latente, sondern reale, mit dem besseren Freund praktizierende) Homosexualität war, oder eine elegante Bisexualität bzw. etwas in dieser Art, weiß ich nicht, zahlreiche ähnliche Vermutungen finden in seinem grafischen Werk und in den oben genannten Eigenheiten des Künstlers indirekte Bestätigungen.
Die langen, lockigen Haare, Tanzstunden, die Angst in Venedig an Syphilis zu erkranken, und der in den Niederlanden getätigte Kauf von Medikamenten gegen diese Krankheit, elegante Kleidung, geringfügige Eitelkeit, Unterwerfung gegenüber der Ehefrau, seine Melancholie, Narzissmus und Exhibitionismus, die seltsam weit gehende Nachahmung des Aussehens von Christus, seine unglückliche, nicht aus Liebe geschlossene, kinderlose Ehe, die verdächtige zu zarte Freundschaft zum Wüstling Pirckheimer, dem er im Oktoberbrief des Jahres 1506 im Spaß vorschlug, sich kastrieren zu lassen - all dies verbindet sich in ihm mit Altruismus, aufmerksamer Fürsorge gegenüber Mutter und Brüdern, mit ständiger, beharrlicher Arbeit, häufigen Klagen über ihn angeblich verfolgende Armut, Krankheiten und Unglück.
Interessant sind auch die von ihm selbst in Briefen aus unterschiedlichen Jahren getroffenen Charakterisierungen: S anftmütig, gehorsam, willig, geflissen ... mehr umsonst dann um Geld gedient . Seine Tugenden formuliert Dürer wie folgt: Mühe, Arbeit und Fleiß . Er nennt sich: lieblich Mensch.
Ich nehme an, dass Dürer keine äußeren, heißen Sünden beging (mit Ausnahme seines Schürzenjägertums) er war vor allem ein strebsamer, fleißiger und frommer Mensch, der selten seine Emotionalität zeigte (wie dies unerwartet in seinen überaus langweiligen Aufzeichnungen über seine Reise in die Niederlande geschah, wo ihn die Falschmeldung, Luther sei ermordet worden, erreichte - welch Sturm brach aus - stärker als ein Meeressturm...). In seinem ziemlich glücklichen, nahezu konfliktfreien, transparenten und glänzenden Leben unternahm er vier relativ weite und einige weniger weite Reisen, hat eine Schar von Schülern ausgebildet, arbeitete im Dienste des Kaisers und verdiente eine Pension (die man ihm freilich sehr ungern auszahlte). Er erwarb Ruhm und Reichtum, veröffentlichte seine Schriftwerke und starb in seinem Bett... Welch Kontrast verglichen mit Leben und Tod vieler seiner Zeitgenossen! Mattias Grünewald verbrachte sein ganzes Leben im Schattendasein und hinterließ nichts außer ein paar Zeichnungen und einigen Malereiwerken (das grafische Werk Dürers verbreitete sich über die ganze Welt in einer Anzahl von mehreren zehntausend Blättern). Er hinterließ keine Biografie, nicht einmal seinen richtigen Namen. Jerg Ratgeb wurde in Pforzheim gefoltert und gevierteilt. Der hochbetagte Cranach geriet freiwillig in eine zweijährige Gefangenschaft und Verbannung. Hans Holbein der jüngere siedelte nach London um, wo er im Alter von 45 Jahren an der Pest stirbt (Dürer ist diesem Unglück immer glücklich entwischt). Veit Stoß prügelte sich, fälscht einen Wechsel, wird verurteilt und gebrandmarkt, musste sich verstecken. Urs Graf kämpft als Landsknecht in der Schlacht bei Marignano und gerät im Alter von 38 Jahren ins Gefängnis. Drei weitere hervorragende Maler - frühere Gesellen von Dürer werden als Gottlose befunden, dafür verurteilt und aus Nürnberg ausgewiesen etc..
Die Bewusstseinswelt Dürers war offensichtlich jedoch nicht so glatt wie sein Schicksal. Jedwede Vorstellungen des Malers, insbesondere seine sexuellen Phantasien unterscheiden sich von analogen Phantasien "einfacher Menschen" nicht durch eine besondere Unzüchtigkeit - das ist nicht berufsabhängig - sondern durch die Vollendung der Komposition und das Auflösungsvermögen. Der Maler sieht klarer und konkreter, er vermag, eine verschwommene, nicht immer platonische "Idee" schnell in ein klares "Bild" umzusetzen, denn das ist ja auch das Wesen seines Handwerks, als dessen Motivation manchmal unbewusst der Wunsch dient, ein Hilfsmittel für die eigene Erotisierung, zu schaffen. Deshalb fällt es dem Künstler schwerer, mit den aufdringlichen, in die Versuchung führenden Gestalten zu kämpfen. Alle Maler wiederholen in einem gewissen Maße das Schicksal des Heiligen Antonius, des Kämpfers gegen die Dämonen (die Dämonen sind die aufdringlichen Vorstellungen), aber nicht alle siegen... Es sind sogar Fälle von Gemütskrankheiten, die sich gerade auf diesem Boden entwickelten, unter Malern bekannt. Der bereits erblindete und geisteskranke große russische Maler, Michail Wrubel weinte und klagte, dass der Teufel aus Rache für seine Sünden, kleine Details seiner großen malerischen Kompositionen in obszöne Szenen verwandelt hat.
Seine innere Welt hatte Dürer wahrscheinlich nicht vollständig in seiner Gewalt; sie war nicht so hoffnungslos durch seine Moral bestimmt, wie er dies selbst wollte. Dort spazierten eigenmächtig durch seine natürliche Libido und künstlerische Meisterschaft erzeugte Ungeheuer herum, mit denen klarzukommen, ihm nicht immer gelang, und die er mit Hilfe von Zirkel und Linear zu zähmen versuchte. Einige von ihnen fanden den Weg aus dem dunklen Raum seines Bewusstseins direkt auf das grafische Werk des Meisters (wie z.B. der Teufel auf dem Holzstich "Die eitle Frau" - welcher der Frau den Hintern zeigt). Wenn das Zähmen nicht gelang, kam eine schrecklichere Waffe in Gang - der Ruf nach dem Tod bzw. die Todesmeditation - der, so verweist der Autor in direkter Form im ersten von uns zitierten Dürer-Gedicht, von den Gelüsten des Fleisches und der teuflischen Versuchung ablenken sollte. Für derartige Meditationen wurden von Dürer spezielle Mittel geschaffen - allegorische grafische Blätter, für welche die in Wien aufbewahrte Zeichnung "Versuchung" ein typisches Beispiel ist, wo die Rolle der Verführerin Aphrodite von Knidos Praxiteles, als Spiegelbild dargestellt, spielt. Möglicherweise waren Dürer irgendwelche italienische Grafiken, die von ihm als Muster (deshalb die Spiegeldarstellung) benutzt wurden, bekannt.
Die Szene der "Beobachtung der Verführung", genauer: der "Beobachtung der Übertragung der sexuellen Phantasie" auf den "Mönch", den jungen ins Lesen oder Schreiben vertieften Klosterbruder (neben ihm steht eine leere Unterlage für die Feder), oder an den Alten mit der ausgeschorenen, kahlen Stelle, ist das Modell für das Bewusstsein des Malers, der auf dem symbolischen Zeichnungsfeld klar den in seiner Seele ablaufenden Prozess und seine Einstellung dazu abgebildet hat. Die Hand des Mädchens berührt den Kopf des Schreibenden, über diese wird die verführerische Vision in sein Bewusstsein gesendet (welche, wissen wir nicht, die nackte Schönheit symbolisiert lediglich Wollust). In den Text, den er schreibt, wird der Faden des Teufels hineingeflochten, der mit seiner ganzen Grausamkeit, mit Spitzzähnen und Krallen, irgendwelche satanische Pansflöte spielt.
Die Szene wird von einem auf dem Boden sitzenden Greis beobachtet, einem "Philosophen" (Dürer hinterließ keinerlei unstrittige Attribute des Heiligen Antonius). Dabei geht aus der Zeichnung nicht hervor, wer mehr "in Versuchung gerät", der weiterschreibende "Mönch" oder der die Verführerin unverwandt anstarrende "Philosoph." Die ganze Gruppe befindet sich vor einem Eingangsbogen im Innenraum eines "Tempels." Dem Betrachter bieten sich zwei Durchgänge - zwei symbolische "Wege" - ein "breiter" unten, und ein "schmaler" oben, auf den man nur über die "7 Stufen der Weisheit" gelangt (eine ähnliche Symbolik war in der Epoche des Mittelalters allgemein üblich - siehe die sieben Querbalken der Treppe, welche die "Erde" mit dem "Turm der Weisheit und Tugend" auf dem Kupferstich "MELENCOLIA I" verbindet).
Zitat 3
Das folgende lange Gedicht (mit dem Titel 100 Zeilen) "von der bösen Welt" zitiere ich nur teilweise. In diesem Werk Dürers wird ein böser Mensch als absolut böser Mensch - ohne einen einzigen guten Charakterzug - dargestellt. Dürer entlarvt und warnt:
Der Bös thut mit der Wahrheit liegen
Auf dass er dich möge betriegen.
...
Er spricht: es bringt mir grossen Schmerzen
Anderer Leut falsche Herzen
...
Ein Böser verbürgt sein Bosheit
Unter dem Schein der Gerechtigkeit.
...
Wer aller Welt will obliegen
Und kann ihm selbst nit ansiegen,
...
Das ist ein bösen Menschen Sitt,
Dass er kein Bös mit Gut vertritt, (vergilt)
...
Ein bös Mensch sucht allweg Arglist
Wider den, des Tugend über ihn ist.
...
Der Bös ist ruhmrediger Wort
Und thut oft im Herzen ein Mord.
...
Ein bös Mensch bfleisst sich solcher Sach,
Wie er Jedermann uneins mach.
Der bös Mensch spricht falsche Urteil,
Sein Herz ist selten Freuden geil.
Dann so er Untugend verbringt,
so schreit er vor Bosheit unsinnig,
...
Sie haben dem Teufel lang zugehorcht,
Das dringt sie von der Gottesforcht.
Der erste Textteil (80 Zeilen) ist eine Parade militanter Thesen. Der Autor führt dem Leser eine lange Reihe gut gerüsteter Distichon-Panzer vor, von denen jeder berufen ist, den bösen Menschen niederzuschlagen, seine heuchlerische Maske zu durchstechen. Das Ziel des Gedichtes besteht darin, den guten Einfaltspinsel vor den vierzig Gefahren, die in der bösen Welt auf ihn lauern, zu warnen. Der zweite Teil enthält im christlichen Sinne der Vergebung gehaltene Ratschläge und Belehrungen. Sie stellen das Gute als nur mit einem Minuszeichen versehenes Böses dar:
Wer unrechtlich wird geschlagen
Und kann dass mit Fraiden tragen,
Wer den lieb hat, der ihm bös thut,
Der hat eins frommen Mannes Mut.
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