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Der Künstler schrieb diese Tirade als eine fröhliche Antwort auf einen Brief von Conradt Merkel. Der spaßig-vertrauliche, sogar ungezogene Ton der Antwort wird abrupt ernst, nachdem Gott, Gesundheit und ein ewiges Leben Erwähnung fanden - irgendein Umschalter wurde ausgelöst - und die lustige Botschaft verwandelt sich in eine Moralpredigt unter der Ägide der Heiligen Jungfrau - ein Tugendprogramm.
Der ironische Ton: " So habt Ihrs besser dann die Sachsen. Die müssen saueres Bier trinken, Das macht eim Maul und Arsch stinken... " geht in einen feierlich-traurigen Ton über: " Und gedenkt ans letzt Einscharrn ." Diese Verwandlung von einem ironisierenden Kavalier in einen aufdringlichen, in seiner Frömmigkeit anstrengenden und taktlosen Christen, bezeugt den Versuch, seine eigene Angst und sein Schuldgefühl zu verdrängen, indem er sie auf den Korrespondenten überträgt.
Die übertriebene Einsicht in die eigene Sündhaftigkeit, vertieft durch die selbstkritische Erkenntnis der Schwäche im Kampf gegen die Sünde, einhergehend mit der in dieser Zeit für ihn zutreffenden, unmittelbaren, körperlichen Nähe des Todes, führte den Künstler in einen depressiven Zustand (Zeitgenossen erwähnen Dürers Melancholie), verwandelte ihn in einen Prediger von Klischeewahrheiten.
Ein neutraler Beobachter würde, insbesondere nachdem er die "maskierten, inoffiziellen" Selbstbildnisse Dürers (z.B. das "Selbstbildnis des etwa zwanzigjährigen Dürer", und das "Selbstbildnis als sitzender Schmerzenmann") aufmerksam betrachtet hat, deren Autor als einen zur Todesmeditation neigenden, weichen Hypochonder charakterisieren. Diese Vermutung lässt sich bestätigen. Bis zu seiner Reise in die Niederlande, wo er tatsächlich ernsthaft an Malaria erkrankte, die ihn bis zu seinem frühen Tod quälte und möglicherweise seine Ursache war, klagt Dürer häufig über verschiedenartiges Unwohlsein, insbesondere in seinem Brief an Pirckheimer - über verdächtigen Grind an seinen Händen. Und belehrt und mahnt. Vielleicht hat sich Dürer nur eingebildet, krank zu sein, "bestrafte sich", oder aber seine Krankheiten waren nur psychosomatischer Natur, der Syphilitiker auf dem gleichnamigen Auftrags-Holzstich um 1494 trägt ebenfalls klar die Züge des Künstlers.
In der ersten Zeile des oben genannten Gedichtes fordert Dürer seinen Freund apostolisch auf, Gott ergeben zu sein, die fünfte Zeile enthält ein Echo der flammenden Predigt von Johannes dem Täufer. Von der sechsten bis zur achten Zeile ruft der Autor dazu auf, bis zum vierten Montag der Fastenzeit Buße zu tun: " Dass dem Teufel sein Maul gestummt ..." In der elften Zeile droht Dürer, ruft den Freund auf, über das Grab und darüber, wie der Leichnam in ihm liegt, nachzudenken.
In der zwölften Zeile erscheint die Leiche - die Leiche von Conradt Merkel, die er sich vorstellen muss, um sich zu erschrecken - in der dreizehnten, und die Sünden zu lassen - in der vierzehnten, und anschließend, in der fünfzehnten, sich gänzlich vom Fleisch, der Welt und des Teufels Rat loszusagen.
Dieses Kurzprogramm zwingt den Leser zum Nachdenken: Was für ein Mensch war eigentlich der Autor, der solche Erfahrungen mitteilt, die Angst vor dem Tod (was den Tod selbst bedeutet) damit "rechtfertigt", dass der zitternde und bebende Sünder sich eher von der Sünde lossagt und die Welt verlässt. Für den modernen Menschen ist die Antwort offensichtlich : So kann nur ein von Angst erfüllter Mensch urteilen, dessen Wunsch es ist, diese Angst, wenn schon nicht herauszudrängen, so doch wenigstens zu verarbeiten, ein reuiger Asket mit fast das Leben hassenden Neigungen, der sich selbst und die ganze, im Bösen liegende Welt zur Kreuzigung verurteilt hat - ein "kleiner Christus" (als kleinen Christus bezeichnet man die sich am Karfreitag freiwillig zur Kreuzigung opfernden Katholiken der dritten Welt, die aber am Kreuz nicht sterben, sondern lediglich eine Weile leiden, wonach man sie dann wieder abnimmt).
Ich denke, der "disziplinierte Heilige" war wirklich eine der wichtigsten Seiten vom "Ich" des Künstlers , der zudem noch einen Drang zur Selbstidentifikation mit dem Typ des "großen Christus" im Geiste des damals populären Buches von Thomas von Kempen "Die Nachfolge Christi" besaß, was in seinen "offiziellen" Selbstbildnissen ins Auge fällt. Seine pedantisch umzusetzende, aktiv-belehrende Position dominiert in den allegorischen Kompositionen und in seinen Gedicht-Versuchen, wenngleich "im Leben", d.h. eine Etage tiefer (oder höher) der Asket verschwindet, und sich ein netter, kluger und bescheidener Mensch mit einem merkwürdigen, nach Aussagen von Freunden, den Stoßzähnen eines Ebers ähnelnden Schnurrbart, einer krummen Nase und langen, gelockten Haaren zeigte.
Zitat 2
Barbara, du reine Meid,
Komm mir zu Hilf in grösstem Leid.
Ich bitt, du wollest mir erwerben,
Auf dass ich nimmermehr mag sterben,
Ich werd dann sacramentlich berichtt
Und hab mein Sünd gegen Gott geschlichtt.
Der Meister bittet die Heilige Barbara lediglich, dass sie ihn "erwerben" wollte - das genügt - wir hören die Intonation des evangelischen Gleichnisses über eine blutende Frau, die gerade den Rand der Kleidung des Erretters berührt hat und durch die von Ihm ausgehende Kraft geheilt wurde. Die vierte Zeile - ein leidenschaftlicher Aufruf des leidgeprüften Hiobs. Ich weiß nicht, welches grösste Leid Dürer eventuell zum Todeswunsch ( mag sterben ) führte, war es die körperliche Krankheit oder eine quälende geistige Verwirrung. Wohl eher das Zweite - in der fünften und sechsten Zeile wird nicht Heilung erwähnt, sondern vom Heiligen Abendmahl und der Vergebung der Sünden gesprochen. Wiederholen wir nochmals die triviale Schlussfolgerung: Das Unvermögen des Künstlers, die Sünde und die mögliche Angst vor der Strafe im jenseitigen Leben zu überwinden, führten den Meister zum Todeswunsch - Der Tod zog ihn zu sich. Und er war ihm vertraut.
Wie ein schwarzer Faden zieht sich der Tod durch das gesamte Schaffen Dürers und ist auf vielen seiner Arbeiten präsent. Drohend, verfolgend und höhnend zeigt er den Menschen die Sanduhr - als Zeichen des unausweichlichen Endes, und überfällt sie.
Was aber am quälendsten ist, der Tod spielt in seinem religiösen Bewusstsein die Rolle des lästigen Beobachters, ständig anwesend, ständig alles sehend, hörend und fixierend. Wie beispielsweise auf der Illustration zum Buch "Der Ritter von Turm", wo der unsichtbare Teufel - Agent und Denunziant das notiert, was die Gläubigen schwatzen; noch schlimmer - auf der "Engelmesse" sehen und notieren sowohl die Engel, als auch die Dämonen das, was die Anwesenden denken und sich vorstellen .
In solchem Christentum zeigt sich die Fratze von Inquisition. So aber ist die Realität des zu sich selbst strengen, reuigen "Ich" Dürers, welche das für die gesamte Vorreformationsepoche typische Bild des Scheuklappen tragenden, von den "Todestänzen" erschrockenen Bewusstseins des Gläubigen widerspiegelt. Das grafische Werk Dürers kann als ausgezeichnetes Material für eine Diagnose der Krankheit des damaligen Katholizismus sowie als Zeugnis für die Unausweichlichkeit von Veränderungen, als Garant für das Kommen Luthers dienen.
Es ist verlockend, zu mutmaßen, was der Künstler unter " mein Sünd gegen Gott " im Sinn hatte, ob ihn die "konventionelle", eine der sieben Todsünden, oder die "nichtkonventionelle" Sünde, eine, die man nicht einmal erwähnen konnte, quälte. Warum haben die Schüler Wolgemuts den jungen Dürer verspottet? Warum ist der Teufel auf seinen grafischen Werken immer ein Hermaphrodit mit Frauenbrüsten und Phallus (es war eine mittelalterliche Tradition, aber Dürer bewahrte sie zu eifrig).
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