REIME DES KÜNSTLERS

... van christlicher Wohrheit wegen, doran uns mehr leit, dann an allein Reichtumen und Gewalt dieser Welt; dass dann Alls mit der Zeit vergeht, allein die Wohrheit beleibt ewig. Und hilft mir Gott, dass ich zu Doctor Martinus Luther kumm, so will ich ihn mit Fleiss kunterfetten und in Kupfer stechen, zu einer langen Gedächtnuss des christlichen Manns, der mir aus grossen Ängsten geholfen hat.

Ein idliche Seel, die do ewiglich soll leben, die wird erquickt in Jesu Christo, der da ist aus zweien Substanzen in einer Person Gott und Mensch, der allein durch die Gnad geglaubt und durch natürlich Vernunft nimmermehr verstanden würd.
Albrecht Dürer

Ob ich nun gleich ein Geselle war der Skorpionen und ein Genosse der wilden Tiere, so war ich im Geiste doch oft in dem Reigen schöner Jungfrauen, und in dem kalten Leib und in dem halbtoten Fleisch tobte noch das Feuer sündlicher Begier. Also weinte ich alle Zeit und zähmte das widerspenstige Fleisch durch wochenlanges Fasten. Ich weinte oft Tag und Nacht und ließ nicht eher ab, die Brust zu schlagen, bis mir von Gott Ruhe ward verliehen. So fürchtete ich auch die Wände meiner Zelle, als Wüßten sie meine Gedanken; und ward mir selbst gram und feind, und zog allein fürder in die Wüste. Des ist der Herr mein Zeuge, daß ich darnach nach vielen Tränen unterweilen in dem Reigen der Engel vermeinte zu sein.
Die Legenda Aurea, Von Sanct Hieronimus

Ein Gedichte schreibender Kunstmaler ähnelt einem Clown, der in den Pausen zwischen den Auftritten in der Arena seine Dissertationsarbeit vorbereitet. Es ist wenig wahrscheinlich, dass sich in seinem Text sein Talent zeigt, eher kriechen seine Komplexe heraus in das Äußere gerade der aufdringlichen, mit solcher Mühe entfremdeten und möglicherweise sogar gehörnten oder gekrönten Wesen, die er in der Arena lächerlich gemacht hat.
So war es auch im Falle Dürers - in seinen Gedichten ist er ein Prediger, ein Moralist. Seine Gedichte sind plump, etwas grob, belehrend (schulmeisterlich sind auch seine allegorischen Kompositionen, aufgrund deren Schönheit bemerken wir dies jedoch nicht), aber sie erwachsen aus derselben Wurzel, sind mit demselben Blut gefüllt wie auch die Stiche des Meisters. Kraft ihrer direkten Wirkung (die Sprache eines Stichs ist symbolisch - dafür ist ein Text nahezu der Gedanke selbst) widerspiegeln diese Manifestationen unmittelbar die Struktur des Bewusstseins von Dürer, die schwarz-weiße, binare Ideologie seines Christentums, fixieren seine Ängste, benennen die Adressaten seiner Hoffnung und Zuversicht. Sie bezeugen das, was der Meister sich selbst und anderen suggerieren wollte. Sie beleuchten den Gemütszustand Dürers vor 1510, 8 Jahre vor aktiven Konfrontationen seines geistigen Lebens mit den Lehren Luthers. Selbstverständlich nur, falls die Reime wirklich von Dürer stammen.

Bei aller Klarheit, Konkretheit und "Verständlichkeit" der graphischen Sprache Dürers, verstehen die Betrachter, die seine Werke durch einen 500-Jahre alten Filter ansehen, ihre Details genießen, oftmals weder das Sujet, noch die allegorische Bedeutung, und auch nicht die Richtung der vom Meister in seinen synthetischen Arbeiten hineingelegten Transformation. Die frei in den virtuellen Welten herumspazierende Seele des modernen Menschen hat selbst die Sehnsucht nach der in der Dunkelheit leuchtenden Wahrheit, über die Dürer geschrieben hat, verloren.
Das Christentum war für Dürer ein Spiegel, der die wahre Natur der Welt und des Menschen zeigte, es war seine geistige Stütze. Es gab ihm Kraft zur Arbeit und die Hoffnung, am Ende des Weges früh von ihm gegangene Menschen, die er liebte, zu treffen und ein neues Leben zu finden (Dürer schrieb: Gott der Herr verleich mir, dass ich auch ein seligs End nehm, und dass Gott mit seinem himmlischen Heer, mein Vater, Mutter und Freund zu meinem End wöllen kummen, und dass uns der allmächtig Gott das ewig Leben geb. ). Die Unvermeidlichkeit des Todes, der Sieg der Endlichkeit, der Triumph des Chaos und der Sinnlosigkeit - all das, was die nüchterne Lebenserfahrung fixiert, wurde im christlichen Bewusstsein Dürers durch die Hoffnung auf das ewige Leben neutralisiert. Die schreckliche reale Welt erhielt in seiner Werkstatt unter Bewahrung ihrer Erkennbarkeit harmonische, geordnete Formen. Die Realität wurde dort durch die himmlischen Institutionen, die dem für den Menschen unbarmherzigen Leben Gerechtigkeit und einen höheren Sinn verliehen, vervollkommnet.

Der Mensch von Heute, der sich gern der Macht des Geldes unterwirft, aber keinerlei geistige Zwänge dulden mag, glaubt schon längst nicht mehr an Vollkommenheit. Er hat die Hoffnung verloren, verzweifelte und beruhigte sich wieder - denn es gibt ohnehin nichts Schlimmeres als vollständiges Verlassen-Sein und Sinnlosigkeit - also ist es gar nicht so schlecht, es kann sein - sehr gut, kann sein, dass man ohne verlogene Hoffnungen zurechtkommen kann, und dass ein kleines, vom Menschen selbst entfachtes Feuer ihm den Weg erhellt? Unsere Zukunft ist unbekannt und das ist das Schöne an ihr. Nach dem Tod wird es nichts geben, und das ist beruhigend. Die verstorbenen Angehörigen werden wir nicht mehr wiedersehen und auch das ist - wenn man darüber nachdenkt - die einzige Möglichkeit, sie in unserer Erinnerung nicht sterben zu lassen .
Was zieht nun den Betrachter von Heute an der graphischen Welt Dürers an?
Ihre Determiniertheit stößt ab, ihre technische Meisterschaft erschreckt, die Erhabenheit weckt spöttisches Lächeln und der belehrende Charakter macht wütend. Stärker jedoch als das ist die alles verzehrende Melancholie der Leere, die eine eigene Gestalt sucht.

Als Dürer seine Graphik schuf, mit Pinsel, Feder oder Stichel arbeitete, operierte er mit Übergängen von der Dynamik zur Statik - konstruktiv, strukturell, geometrisch, fast wissenschaftlich, mit der Überzeugung eines Naturforschers des 19. Jahrhunderts und der Wahrhaftigkeit des Apostel Petrus. Beim Entwerfen der Skizzen ging er von der dynamischen Kontur und energisch betriebener Schraffur der formierten Grundformen zu den immer mehr eigene Kraft und statische Bestimmtheit gewinnenden Details über, die sogar selbst auf dem Niveau der "Grashälmchen" die erhabene Energie des Ganzen bewahren und dieses oft sogar noch an Kraft und Stärke übertreffen. Er hat nicht nur nachgeahmt und nicht nur widergespiegelt, sondern aus der neuen graphischen Materie aufgebaut und sich dabei bemüht, die Proportionen und die räumlichen Korrelationen zu bewahren. Bei Vollendung setzte er alles daran, ihre Genesis zu verbergen und zu vertuschen. Das Resultat seiner Arbeit ist ein hierarchisch aufgebauter Kristall, und die Objekte in ihm sind Kristalle im Kristall: die Elemente kleiner Form bestehen aus nicht teilbaren Strichen, Linien, Leeren und Punkten. Aus der Gesamtheit der kleinen Formen ergeben sich - wie bei Teilen in der Technik - mittlere Formen, aus den mittleren - große Formen. Dürer war ein konsequenter Konstruktivist. Eher ein Mechaniker als ein Dekorateur.

Jede Form auf Dürers Graphik ist exakt definiert, deutlich abgesondert von anderen Formen und befindet sich an einer streng bestimmten Stelle des Raumes. Alle Teilungen und Schnitte dieses stets linearen, stets betont orthogonalen Raumes, sind ebenfalls exakt berechnet und oftmals mit Hilfe von Lineal und Zirkel nach klaren geometrischen Schema aufgebaut. Dürers Welt ist das brausende Universum, welches zu seiner Zähmung in die Hände des Juweliers gegeben wurde. Die wellenartige Dynamik der Formen der organischen Welt konfrontiert auf seiner Skizze ständig mit der bewussten Geometrisierung und mathematischen Berechnung. In allen programmatischen Arbeiten des Meisters dominiert das zweite, das "mathematische" Grundprinzip, was der in ihnen erzielten Harmonie eine gewisse Leblosigkeit verleiht. Die ursprünglich glühende Substanz ergießt sich wie Lava in die zuvor hergestellten Formen, wo sie abkühlt und die Komposition den Status der Ruhe mit "erstarrter" Bewegung erhält (die Mineralogie zeigt uns beeindruckende Resultate ähnlicher, tatsächlich in der Natur ablaufender Prozesse). Die seltenen Skizzen, bei deren Gestaltung Dürer unter dem Einfluss emotionalen Stresses stehend klar auf das Konstruieren und Harmonisieren verzichtet hat, sind unübertroffen stark.
Als Beispiel dafür kann das von uns bereits erwähnte berühmte "Bildnis der Mutter" dienen, dieses in einzigartiger Weise ergreifende Bildnis oder die Landschaft des Todes, auf welchem die hervorstehenden Knochen der kranken Frau vom Meister mit einer derart dynamischen Kraft dargestellt wurden, dass den Betrachter die Angst überkommt, dass der schreckliche knöcherne Tod selbst durch die Haut hindurch dringt und jetzt gleich aus dem sterbenden Körper erscheint. Gerade diese Angst, genauer formuliert, deren exakt in winzigen Mengen dosierte Ergänzung zum Mitgefühl, der aus dem Umstand heraus, dass das geliebte, leidende Wesen durch den skelettartigen Dämon aus ihrem Körper herausgedrängt wird, entstehende Schrecken, macht diese Zeichnung so durchdringend glaubwürdig. Dürer schrieb: Ich sach auch, wie ihr der Tod zween gross Stoss ans Herz gab, und wie sie Mund und Augen zuthät und verschied mit Schmerzen - dieser innen sitzende Tod stach der sterbenden Barbara zweimal ins Herz.

Seine allegorischen Szenen baute er nach literarischen Mustern, wandte sich Beispielen aus der Antike, der Bibel und der Überlieferung zu - in ihnen sollte sich die transparente und allen zugängliche Idee von der vorherbestimmten Harmonie eröffnen (nicht aber verbergen!), sollten die wahren Wege, sie zu erreichen, aufgezeigt und die falschen aufgedeckt werden. Dürer hatte ein "offenes" Bewusstsein, die Motivationen für sein Zeichnen waren konsequent offene, religiös klare und helle. Von Extremen, zu denen jedes Genie schon aufgrund der Kraft seiner Begabung tendiert, wurde er zurückgehalten: Offensichtlich vom Einfluss seines immer arbeitenden Vaters und seiner sich für die Nächsten opfernden Mutter (sie wurden von ihm in der Familienchronik heiliggesprochen). Die Zeitgenossen bezeugten seine angeborene Sanftmut, seine Bescheidenheit und Gewogenheit.

Und wie dachte der Meister, wenn er nicht malte?
Nach seinen Gedichten zu urteilen, dachte Dürer so wie er zeichnete - positiv, praktisch mystisch. Dem Evangelium oder genauer gesagt, den Traditionen und der kirchlichen Lehre glaubte er aufs Wort, erlaubte sich nicht, sie zu kritisieren oder zu analysieren und projizierte ihren Inhalt auf sein eigenes Leben und Schicksal. Nicht nur Hoffnung und Überzeugung, sondern auch die "große Angst" vor den ewigen Qualen der Hölle, über die er in einem Brief an Spalatin schreibt, dieses unvermeidliche, aus der Unzulänglichkeit der eigenen Kräfte im Kampf gegen die Sünde entstehende Phantom eines Christen war die logische Folge seines ehrlichen Glaubens und seiner konsequenten Denkweise. Diese Angst nahm im Bewusstsein Dürers offensichtlich konkrete Formen an und verkörperte sich in einer Reihe von Peiniger-Sujets. Der Kampf mit denen endete für den Meister nicht immer siegreich.
Über die unterschiedlichen Formen der Bestrafung für Sünder hatte der Meister - möglicherweise gegen seinen Willen - eine ziemlich klare Vorstellung. Die Verkörperung war schließlich seine ständige Beschäftigung, eine Kunst, die er meisterlich beherrschte. Die durch seine kolossale künstlerische Begabung materialisierte Angst spielte im ungeschützten Garten Eden Dürers die Rolle des Teufels und drohte, die harmonische Einheit seiner Seele zu zerstören. Tod und Hölle beherrschten oft seine Phantasie, erschreckten und zwangen dazu, Verteidigungslinien aufzubauen, funktionierende Modelle von Schutzmechanismen zu entwickeln - synthetische Stiche. Der Glaube stellte den Künstler und seine Kunst vor eine schier unlösbare Aufgabe.

Zitat 1

Hiemit seid Gott ergeben
Und verleihe euch alle Gesundheit und dort das ewig Leben.
Das erwerb Maria, die reine Magd.
Albrecht Dürer thut euch sagen,
Ihr sollt Euer Sünd beklagen,
Eh das Lätare (der vierte Fastensonntag) herfür kummt,
Dass dem Teufl sein Maul werd gestummt.
Und so er uberwunden ist,
So beisteht uns der Herr Jesu Christ,
In allem Gutem zu verharrn.
Und gedenkt ans letzt Einscharrn,
Das man eim Gestorbenen thut,
Das erschreckt billig Eim Sinn und Mut,
Dass man dest ehe von Sünden lat
Und nie folgt der Welt, dem Fleisch und Teufels Rat.

 

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