Albrecht Dürer, MELENCHOLIA I, 1514


"MELENCOLIA I" UND DAS KZ

"Hier spinnt er", denkt, nachdem er dies gelesen hat, der Leser. Was für ein Verhältnis zu einem KZ hat wohl Dürers Stich "MELENCOLIA I"?
Natürlich ein keinerlei direktes Verhältnis. Doch es gibt Rückkopplungen im Überfluss - einige betrachten wir im Folgenden.
Beschauen wir aufmerksam das Feld des Stiches. Der auf einer Anhöhe befindliche steinerne Platz (ein Observatorium? Eine Weihestätte? Eine Alchimisten- oder Freimaurerwerkstatt? Die Spitze einer Pyramide? Eine Stufe vom Sikkurat? Das Podium einer Simultanbühne von Halbgöttern? Oder nur ein Modell des Bewusstseinsraumes des Künstlers?) dient als Ankunftsort einer in bedrückendes Nachdenken versunkenen, dunkelgesichtigen, geflügelten Figur mit mächtigem Körperbau - eines Wesens mit neutralem Geschlecht. Rings um dasselbe, gleichsam einen eigenartigen technologischen Gürtel bildend, sind unterschiedliche Gegenstände und Geräte angeordnet. Sie haben eines gemeinsam - alle sind sie vom Menschen angefertigt. Zählen wir sie auf, beginnend an der rechten unteren Ecke des Stiches, wo das Endstück eines Handblasebalges unter dem Rock hervor lugt: Vier Nägel, ein Lineal, eine Säge, eine Beißzange, ein Hobel, ein Profilholz, eine Kugel, ein Tintenfass mit Schreibgerät, ein Hämmerchen, ein Polyeder, eine Feuerzange, ein Tiegel, eine Leiter, eine Waage, eine Sand- und eine Sonnenuhr, eine Glocke. In der rechten Hand der Figur - ein Zirkel, auf den Knien ein Buch, am Gürtel Schlüssel und ein Geldbeutel. Hinter dem Rücken der Figur - ein steinerner Turm ohne Fenster. Neben ihr sitzt auf einem riesigen Mühlstein ein kleiner Amor-Putto und schreibt irgendetwas auf eine Schiefertafel. An den Füßen liegt, wie ein Knäuel zusammengerollt, ein Windhund. Links ist eine Meereslandschaft zu sehen, sonderbar beleuchtet, gleichsam in Mondlicht getaucht. Das Meer ist still. Häuser am Ufer. Weiße Hügel, die sich bis zum Horizont erstrecken. Am Himmel, der sich zu einem Punkt komprimiert, ein Komet und ein lunarer Regenbogen. Ein abscheulicher Drache mit Schlangenschwanz und Hundeschnauze fliegt über dem Meer.

Wer aber ist dieses imposante geflügelte Geschöpf aus der Gattung der Unsterblichen? Warum grämt es sich? Eine sich grämende Gottheit - das verstößt gegen die Regeln. Der monotheistische Gott grämt sich nicht, Er herrscht. Christus hatte einst den toten Lasarus beweint, sich vor der Hinrichtung gegrämt (übrigens in Dürers Darstellung in eben jener melancholischen Pose, den Kopf mit der Hand abstützend). Die Engel hatten Jesus beweint. Doch das sitzende Wesen ist weder Jesus noch ein Engel. Wer aber noch von den Unsterblichen kann es sich erlauben, sich zu grämen - und aus welchem Anlass?

Betrachtet man Dürers Stich im Geiste der "Ariosophie", so ist dies eine allegorische Figur - die große arische Seele des deutschen Volkes, die Germania. Nicht jene gekrönte Schauspielerin, die auf der allbekannten Briefmarke zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgebildet war, und nicht die majestätische Fontäne-Diva aus den pompösen Darstellungen der vorangegangenen Epoche, sondern die originale, altrömische, sich in feindlicher Gefangenschaft quälende. Auf dem Sesterz Domitians mit der Aufschrift Germania capta (Germania ist besiegt) hat die eigentliche "Germania" die Gestalt zweier Figuren: Einer weiblichen, stehenden und einer männlichen, sitzenden in melancholischer Pose. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Dürer eine solche Münze besaß oder sie bei Pirckheimer, in Venedig oder noch früher, in der Juwelierwerkstatt des Vaters gesehen hatte, wo im Jahre 1486 möglicherweise unter Beteiligung des jungen Gesellen eine Kollektion antiker und Kaisermünzen Stephan Fridolins versilbert und vergoldet wurde.
Und diese Göttin grämt sich über die Unvollkommenheit des in Chaos versunkenen Weltalls. Sie weiß: dieses Chaos kann in Ordnung verwandelt werden. Messend, berechnend, bearbeitend und umschmelzend kann Wohlstand, Gleichgewicht und Harmonie erzielt werden. Kugel und Polyeder diese idealen stereometrischen Körper - Urgesteine (obwohl ein abgestumpfter Rhomboeder nicht zu einem Platonischen Körper gehört, man kann ihn aufgrund seiner schönen kristallinen Gestalt "ideal" nennen), das magische Quadrat mit seinen erstaunlichen arithmetischen Eigenschaften, und überhaupt alle zur Verwunderung klug und gediegen hergestellten Gegenstände auf dem steinernen Platz des Sikkurat (einschließlich des Hundes, der vom Menschen aus dem Wolf und dem Schakal gezüchtet wurde) - all dies dient als Beispiel umgewandelter Materie und ist es würdig, einen Platz im harmonischen Weltall einzunehmen.
Ja, die Natur kann gezähmt werden, Gegenstände können bearbeitet, umgeformt oder konstruiert und neu erschaffen werden, was aber soll mit den Menschen gemacht werden? Mit deren störrischen, sündigen Seelen, die voll bösen Sinnens und Trachtens sind, die mit ihrem Tun jedwede durch harte Arbeit erreichte Harmonie in Chaos verwandeln? Wie die unnachgiebige Natur des Menschen bearbeiten? Was mit sich selbst tun?
Dem Menschen die Willensfreiheit lassen, das wichtigste Geschenk der Götter, oder ihn um der Vollkommenheit des Weltalls willen in einen Zombie verwandeln?
Und doch muss mit den Menschen unbedingt etwas geschehen - sonst wird die Harmonie auf der Erde nie Wirklichkeit werden und alles wird gänzlich von der Königin des Chaos in Besitz genommen werden - der vom Meeresgrunde empor geflogenen Midgardschlange mit dem Kopf eines Wolfes, schwarze Galle wird das ganze sichtbare und unsichtbare All ausfüllen und König-Tod, der seine furchtbare Fresse auf der Polyederfläche zeigt, wird in einer von Grauen und Apathie paralysierten, dreckbesudelten Welt herrschen.
Vielleicht nach biblischem Muster eine Sintflut auf die Erde schicken (s. die "überschwemmten" Ufer auf dem Stich)? Oder den Sündern mit einem himmlischen Fanal, einem Kometen, einen Schreck einjagen? Im Christentum ist der Komet das Symbol des Antichristen; bei den Kabbalisten ist er ein Zeugnis der Nichttrivialität des Universums, ein Vorzeichen des Kommens des Messias, wovon Dürer möglicherweise durch seine gelehrten Freunde wusste. Oder noch einmal einen Waffenstillstand mit den Menschen abschließen und ihn mit dem Regenbogen krönen? Oder, nachdem ihr Karma mit dem Lineal gemessen, ihr gutes und böses Tun auf der Waage abgewogen und die Lagerglocke angeschlagen wurde, damit beginnen, sie mit dem Hobel zu hobeln, mit der Säge zu sägen, mit dem Hammer zu schlagen, ihnen mit der Beißzange die Fingernägel herauszureißen, sie mit dem Hund zu hetzen, mit den Mühlsteinen der Geschichte zu Staub zu zermahlen, ihre Seelen im Krematoriums-Tiegel umzuschmelzen, mit Gas aus dem Blasebalg des Teufels zu vergiften, Nägel in ihre gekreuzigten Leiber einzuhämmern?

Es ist schwer die Menschen als Gegenstände zu bearbeiten, es ist unmöglich, sie zu belehren, sie können nur selektiert werden: Die Guten im Himmlischen Jerusalem ansiedeln (oder in der Reichshauptstadt "Germania"), die Schlechten aber, nachdem ihre Namen in das Buch des Todes (das auf den Knien der Germania liegt) eingetragen wurden, in ein Feuermeer werfen (ins KZ schicken). Doch wie sollte man verstehen, welche Seele sich des Königreichs der Harmonie würdig erweist und welche nicht? Das Abwägen auf jener Waage zeigt, dass das Böse fast immer das Gute überwiegt. Die Kopfform kann man noch mittels spezieller Messungen bestimmen (für die in der Nazizeit spezielle Tabellen, Lineale und riesige Zirkel ähnlich demjenigen verwendet wurden, den die Germania in den Händen hält), aber die Seele ist schwer zu messen und zu überprüfen, ob die Proportionen der Teile den genehmigten Vorbildern entsprechen. Wie nun aber die Selektion bewerkstelligen? Wem den Polyeder anvertrauen - den Stein des Weisen, den Generator der Zufallszahlen und des Schicksals, die Weltkugel und den Mulm des Lebens wieder und wieder zermahlenden und zur Ertränkung einer ganzen Menge von Sündern taugenden Mühlstein? Wie die Auserwählten über die sieben Stufen der Leiter zum Gipfel des Turmes der Weisheit geleiten? Wie die Welt vor dem Chaos retten? Eigentlich genug, um die erhabene Dame verzagen zu lassen.

Man möchte fragen: wo sind denn die Reste christlicher Überzeugungen bei Dürer, die in seinen anderen Werken, Briefen, Versen so vernehmlich zum Ausdruck gekommen waren?

 

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