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Die zweite Tafel ist die des Jupiter, die aus der mit sich selbst multiplizierten Zahl Vier entsteht und sechzehn besondere Zahlen enthält; in jeder Reihe wie in den Diametern vier, die in denselben die Summe von Vierunddreißig, im Ganzen aber die von Hundertsechsunddreißig ausmachen. Der Jupiterstafel stehen ebenfalls göttliche Namen nebst einer Intelligenz zum Guten und einem Dämon zum Bösen vor; auch wird aus ihr der Charakter des Jupiter und seiner Geister gezogen. Wenn man diese Tafel zu der Zeit, wo Jupiter mächtig ist und herrscht, auf eine silberne Platte graviert, so soll sie Gewinn und Reichtum, Huld und Liebe, Frieden und Eintracht bringen, in Ehren und Würden und bei gutem Rat erhalten, auch Verzauberungen lösen, wenn sie in Korallen gestochen wird.
In der gedruckten Variante des Buches von Agrippa ist die Tabelle aufgeführt (welche im Manuskript der Bibliothek Würzburg fehlt):
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14 |
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7 |
6 |
12 |
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11 |
10 |
8 |
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2 |
3 |
13 |
Beim Dürer-Stich ist die Tabelle etwas modifiziert:
| 16 |
3 |
2 |
13 |
| 5 |
10 |
11 |
8 |
| 9 |
6 |
7 |
12 |
| 4 |
15 |
14 |
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Wenn wir in der Agrippa-Tabelle die erste und zweite Zeile, anschließend die zweite und dritte austauschen (oder das Quadrat einfach auf den Kopf stellen), und dann die zweite und dritte Spalte austauschen, dann erhalten wir exakt die Dürer-Tabelle, die ebenfalls das magische Quadrat des Jupiter ist, und alle im Text von Agrippa aufgeführten arithmetischen Besonderheiten aufweist. Am allerwahrscheinlichsten ist, dass die Agrippa-Tabelle dennoch der Prototyp war - es ist schwer vorstellbar, dass Agrippa seine magischen Tabellen nicht in seine Manuskripte aufgenommen hat, vermutlich sind sie einfach als Anlage nicht erhalten geblieben. Irgendetwas hat Dürer gezwungen, die Zahlenfolge zu ändern - vielleicht war es der Wunsch, das Sterbedatum seiner Mutter Barbara, den 16.05.1514, zu verewigen und gleichzeitig sein Geburtsdatum, den Tag der Heiligen Prudentia, 21.5.1471, in das Quadrat aufzunehmen.
Im Übrigen gibt es nichts, aus dem zu schlussfolgern wäre, dass die sitzende beflügelte Dame tatsächlich die Melancholie ist - es kann sein, dass es in Wirklichkeit die Patronin und möglicherweise die bewusste Selbstidentifikation des Künstlers ist - die Prudentia, wie es sich für sie gehört, angesichts des sich auf der Polyederfläche spiegelnden Schädels und der erschreckenden himmlischen Erscheinungen - des Kometen und des unheilverkündenden fliegenden Drachens, der auf seinen Flügeln etwas in der Art einer selbstoffenbarenden Aufschrift trägt, in Gedanken verloren über die Nutzlosigkeit und Vergänglichkeit des Daseins. In diesem Falle ist der Kupferstich "MELENCOLIA" ein Bilderhoroskop, eine Personalikone bzw. eine selbstangefertigte Tarotkarte - ein programmatisches Ideogramm des Künstlers, und als sein Prototyp diente zweifelsfrei eine der Kopien der sogenannten "Tarocchi" - eine in Paris aufbewahrte Dürer-Zeichnung aus dem Jahr 1495 oder 1496 mit dem Titel "Klugheit" oder "Prudentia", auf welcher eine stehende, einen Zirkel in dem rechten Hand haltende Frau dargestellt ist, die in den Spiegel sieht. Sie ist barfüßig und körperlich nicht geschützt vor dem neben ihr stehenden bissigen Drachen oder Teufel, der offenbar die Versuchung und die Gefahren des Lebens symbolisiert, möglicherweise aber auch sein unausweichliches Ende. Prudentia hat zwei Gesichter, als zweites "ich" dient ihr das Angesicht eines betagten Philosophen (irgendwie möchte man ihn Aristoteles nennen). Unentwegt sich kontrollierend und ihre Taten bemessend (Spiegel und Zirkel), die Vergänglichkeit alles Materiellen nicht außer Acht lassend, hält sie mit der Weisheit eines Philosophen über sich und das Leben Gericht und kann den bissigen Teufel nicht fürchten.
Was wohl hat den Meister gezwungen, nach 18 Jahren seine Prudentia in der Pose des leidenden Hiob mit finsterem Gesicht und in die Ungewissheit gerichtetem Blick darzustellen?
Das Sterbedatum der Mutter "fällt gleich ins Auge" - die erste Zeile des Quadrates zeigt die Zahlen 16 und 3+2, die letzte - 1514. Es drängt sich auch das Alter der Mutter - 63 auf. Den Geburtstag des Künstlers kann man in der zweiten Zeile finden 10+11 und 5 oder in der ersten Zeile 16+3+2 und 5 in der zweiten - und das Jahr als Kombination der drei rechts unten in der Tabelle stehenden Ziffern 14-7-1. Bezeichnend ist, dass Dürer durch seine Änderung in das Quadrat auch sein zukünftiges Sterbedatum - 6.4.1528 - aufnahm (finden Sie es selbst).
Den oben aufgeführten Agrippa-Text kann man so zusammenfassen:
- die materiellen Zahlen und Figuren (Zeichen) stellen formelle (abstrakte) Zahlen und Figuren (Zeichen) dar,
- die letzten davon (nicht alle, sondern nur einige, deren Kenntnis dem Magier obliegt) spiegeln himmlische Harmonie und göttliche Hierarchie wieder,
- nachdem der Mensch die Zeichen eingestochen, d.h. die Materie richtig bearbeitet hat - kann er das Himmlische mit dem Irdischen verbinden, dem Irdischen eine göttliche Qualität verleihen.
Die Verbindung zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen symbolisieren auf dem Stich der nächtliche Regenbogen sowie die unterhalb des steinernen Stufenpodestes stehende und zu den oberen Etagen des Turms führende Leiter. Die Harmonie zwischen dem Himmlischen und Irdischen verkörpern die ausgeglichene Waage, die Sanduhr, in welcher der Sand genau die Hälfte der Zeit anzuzeigen scheint, der unbeweglich "in der Mitte" hängende Glockenklöppel und das magische Quadrat.
All diese Elemente: Regenbogen, Treppe, Waage, Uhr, Glocke, Quadrat, Turm bilden auf dem Stichfeld etwas wie den Ring des Gleichgewichts und der Harmonie.
Wenn man beachtet, dass "Zahlen" auf den Dürer-Werken Proportionen und perspektivisch dargestellte Formen bei ihm "Figuren" und "Zeichen" sind, kann man bestätigen, dass die oben aufgeführten Postulate mehr oder weniger Paradigma seines Schaffens waren, und das jedes Werk des Meisters von ihm als etwas in der Art des magischen Quadrates verstanden, konzipiert und angefertigt worden ist. Und jeder an der Hauswand seines Käufers hängende Abzug des Kupferstichs "MELENCOLIA 1" sollte etwa derselben Rolle gerecht werden, wie die, die das magische Quadrat an der Wand in der Mitte des Stichs erfüllt. Das Himmlische und das Irdische verbinden, den Geist und den Mut des Hausinsassen stärken, weiterentwickeln und erhellen, ihn schützen, Frieden und Wohlergehen bringen. Talisman und Glücksbringer, Beschützer sein. Die kleine, graphische "MELENCOLIA I" - als Impfung gegen die große "Melancholie".
Man darf die oben aufgeführte These nicht wörtlich, sondern als Tendenz bzw. "ontologische Aufgabe" des Meisters verstehen. Die Technologie zur Herstellung eines Kupferstichs - steht in der Tat der Technologie zur Herstellung der magischen Quadrate "nach Agrippa" sehr nah. Er empfiehlt fast immer, sie in Buntmetalle bzw. Eisen zu stechen. Sowohl bei der Herstellung eines Stichs als auch eines magischen Quadrates bearbeiten Künstler und Magier Materie, prägen Zahlen und Formen, durch die sich die höheren Wesen zeigen, und in denen die Metagesetze, die Metamorphosen sowie Metaereignisse des Weltallmysteriums in für das sterbliche Wesen zugänglichen Zeichen erscheinen. Diese Zeichen sind nicht immer verständlich, doch sie sind da, sie sind überall, sie durchdringen die Welt, zeigen sich auf all ihren Ebenen, hinterlassen in all ihren materiellen und immateriellen Strukturen die Spuren. Sie finden sowohl in den Mythen der Menschheit als auch in den Prinzipien der Quantenmechanik, am Firmament und im Innern eines Kristalls, im Aufbau eines Computers und in den inneren Organen eines Frosches ihren Niederschlag. Agrippa sah sie in Zahlen, Planeten, Mineralien, Elementen und Dürer - in den Formen der Natur, den Gesetzen der Perspektive und in Proportionen.
Gerade dieses "Durchdringen" der Zeichen eines Über-Seins durch alle Sphären des Universums ermöglichte es dem Meister auch, durch angestrengte Arbeit die Frau mit dem Kind auf den Armen so zu verkörpern, dass man in ihr sowohl eine Nürnbergerin des 16. Jahrhunderts, als auch Maria - eine Bewohnerin Galiläas, Frau des armen Zimmermanns Josef und gleichzeitig die Mutter Gottes - das apokalyptische Weib ("mit der Sonne bekleidete"), das den Erlöser und zukünftigen Richter des Weltalls auf die Erde bringt, erkennen konnte.
Die "Melancholie" ist die Jungfrau Maria, die die Verkündigung nicht geglaubt und auf ihre Rolle im Mysterium verzichtet hat. Sie ist traurig, weil sie ohne Sohn ist. Der schreibende Putto, dieser Zögling der Antike, kann in der zutiefst christlichen Seele Dürers jenes Kind, nach dem sich der Künstler auf seinem gesamten Lebensweg gesehnt hat, nicht ersetzen. Schlichte, nicht verschlüsselte Darstellungen der Maria mit Kind bilden die absolute Mehrzahl der Stiche des Meisters - diesem "einfachen" Thema widmete er sich ständig, in all seinen Schaffensperioden. Man kann sogar behaupten, dass sein Geist ein ganzes Leben lang neben der Mutter Gottes und ihrem Sohn stand und zeichnete.
Die Gottheit emanierte, näherte sich dem Menschen und durchdrang ihn, dabei erfüllte sie ihn mit Licht, Liebe und Hoffnung und indem er das Materielle mit seiner Kunst umgestaltet, verklärt sich der Meister und beschreitet den umgekehrten Weg, nähert sich der Gottheit, um sich mit ihr zu vereinigen. Diese Vereinigung kann man auf den berühmten Selbstbildnissen des Meisters verfolgen, auf seinen zahlreichen Passionen , wo er dem leidenden Heiland seine Züge verleiht . In diesem praktischen Mit-Gefühl, dieser Mit-Kreuzigung etc. liegt der mystische Sinn von Dürers Schaffen. So machte er mit. Am Ende seines Lebens - so scheint es - hat er diese Fähigkeit verloren...
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