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Albrecht Dürer, MELENCOLIA I, Spiegelbild des Titels
Um das Thema anderer möglicher Fehler des Kupferstechers Dürer abzuschließen, sei die berüchtigte Eins - "1" in der Aufschrift "MELENCOLIA 1" erwähnt. Es ist nicht vollkommen auszuschließen, dass dies überhaupt keine "1" und auch nicht der Buchstabe "i" ist, sondern der erste Strich des Buchstabens "M", den Dürer irrtümlich anstelle des Schrägstrichs des korrekten Buchstabens "A" begonnen hatte einzustechen. Dem Meister war klar, dass ihm ein Fehler unterlaufen war, aber es war nicht mehr möglich, diesen zu korrigieren, wie im Falle der Sechs auf dem magischen Quadrat (und der Neun unter der Sechs, die der Meister anfänglich in nicht umgekehrter Form eingestochen hatte, so wie sie auch auf den ersten Abdrücken der "MELENCOLIA I" - beispielsweise auf einem Blatt aus der Otto Schäfer- Sammlung erhalten geblieben ist).
Auf der Illustration ist dieses Fragment vergrößert und seitenverkehrt dargestellt, so, wie Dürer es gestochen hat. Ursprünglich wollte der Meister nur das Wort "MELENCOLIA" stechen und er begann ganz einfach mit dem Buchstaben "M" anstelle "A". Das ist ein für derartige Fälle typischer Fehler. Nachdem er den irrtümlich gesetzten und deshalb sofort geheimnisvoll gewordenen Strich (er ist übrigens gut zu sehen - in der Mitte zwischen zwei Linien, die eine "Eins" bilden) durch ein Trennungszeichen abgetrennt hat, schrieb Dürer richtig A-I-L-O-C-N-E-L-E-M. Nun musste man allerdings von der markierten harmonisch-gleichmäßigen Buchstabenanordnung abweichen, denn in der ursprünglichen Form hätte man das Wort nicht untergebracht. Der Meister musste zerkleinern und dies auf dem besten, präzise durchdachten und erarbeiteten Stich. Insbesondere diese für den Pedanten Dürer untypische Verkleinerung des Buchstabenabstandes (auf der Kupfertafel von rechts nach links) lässt den Gedanken, dass es sich um einen Fehler handelt, aufkommen.
Die von Schuster in seiner Kritik verrissene Vermutung Panofskys, dass die Eins nichts anderes bedeuten würde als Melancholie "des ersten Grades" und, eine mitnichten überzeugende Hypothese von Schuster selbst, der vermutete, dass die Eins von Dürer als Symbol einer gewissen philosophisch-mathematischen und theologischen Einheit bzw. Grundlage benutzt wird (an dieser Stelle sei wiederholt: Dürer ist leider nicht die Sorbonne), sowie als alchimistische Deutung (Eins als erste Stufe des Prozesses der Umwandlung des Chaos in Harmonie) - all diese klugen Hypothesen verärgern nicht so sehr wegen ihrer Voreingenommenheit, als wegen ihrer bewussten Selbsthypnose, dem Abweichen vom ehrlichen Eingeständnis dessen, dass wir die Bedeutung dieser unglückseligen Eins nicht kennen. Wichtig ist im übrigen nur, ob Dürer sie kannte.
Die auf die Flügel des Drachens gestochene Aufschrift ist der Titel des Kupferstichs. Davon kann man sich überzeugen, wenn man beispielsweise das Tagebuch der Reise in die Niederlande liest. In diesem findet der Kupferstich "MELENCOLIA 1" sechsmal Erwähnung, jedes Mal in Geschenklisten: Zweimal schreibt der Künstler: die Melancholie ( Ich habe dem Faktor von Portugal geschenkt ... die Melancholie ... Der Ruderigo hat meinem Weib geschenkt ein klein grünen Papagei ), einmal - Melancholei (ohne Artikel), einmal - die Melancholei , einmal - ein Melancholei (nicht als Femininum) und noch einmal - ein Melanchelei (auch nicht als Femininum und anstelle "o" mit "e"). Ich finde es sympathisch, dass Dürer offensichtlich nicht wusste, wie das Wort geschrieben wird, oder, genauer gesagt, er war nicht hundertprozentig sicher, was dessen grammatikalisches Geschlecht und seine Schreibweise betraf (die halbmännliche Gestalt der beflügelten Figur auf dem Kupferstich entspricht diesem grammatikalischen Hermaphrodismus). Dieser Umstand hätte die Interpreten, welche jede beliebige Hieroglyphe als ein von Dürer benutztes Zeichen als eine tief durchdachte philosophische Konzeption betrachten, zur Vorsicht mahnen müssen.
Ein Fehler oder eine Unkorrektheit im Stich-Titel geben wie auch ein Druckfehler in einem Buchtitel Rätsel an Stellen auf, wo es gar keine gibt und erzeugen Phantome, die einen unbewaffneten Betrachter in den Interpretationsdschungel treiben. In diesem Fall muss man die Hypothesen dahin führen, dass sie keinen Widerspruch mit der möglichen Bedeutung der Eins bilden, und sie somit von ihr abhängig machen.
Nehmen wir mal an, anstelle der Eins wäre in der Aufschrift eine Zwei, alles andere auf dem Stich aber bliebe unverändert. Dann müssten die Kunst-Forscher, um die innere Widerspruchslosigkeit aufrecht zu erhalten, die gesamte Konzeption ändern - d.h. nicht dem Stich selbst, seinem Stil glauben, sondern nur diesem, seinen wenig bedeutsamen Element und dies nur deshalb, weil er ein Teil des Titels ist. Dasselbe geschieht auch mit der Eins - sie spielt zu Unrecht eine wichtige Rolle in den Interpretationen.
An den Haaren herbeigezogene Interpretationserklärungen für die Eins in der Aufschrift haben noch einen weiteren, für Gelehrte nicht besonders schmeichelhaften psychologischen Aspekt - Fachleute schützen sich vor Vorwürfen über Unkenntnis. Für einen Kunstwissenschaftler ist es schrecklich peinlich, öffentlich einzugestehen, dass er nicht einmal den Titel des berühmtesten Kupferstichs der Welt versteht. Und was wäre, wenn Dürer diese Eins tatsächlich aufgrund eines Fehlers irrtümlich geschrieben hätte - welch bittere Lektion für die Interpreten wäre dies...
Und überhaupt - am allerbesten wäre es, gar nicht erst mit der Interpretation dieses Stichs anzufangen, sondern ihn dem Betrachter zu überlassen, denn interpretierbar sind leider nur sich innerlich nicht widersprechende Code-Systeme, zu denen das semantische Feld der "MELENCOLIA 1" offenkundig nicht gehört (jedenfalls vom modernen Standpunkt aus) und es schiene, dass die rettende und den Interpreten von der Verantwortung entbindende Wortgruppe "Symbol-Ambivalenz", selbst, wenn man sie dreihundertmal wiederholt - wie im Schuster-Buch geschehen - nicht hilft, die Situation zu verbessern.
Dürer fiele es sehr schwer, einen solchen ihm von den Nachkommen erwiesenen Bärendienst zu schätzen . Auf seinen Stichen gibt es keine ambivalenten Symbole, sie scheinen aber durch im gegenwärtigen nicht synkretistischen Bewusstsein entstehende Aberrationen und Auflagen solche zu sein. Die Interpreten des Stichs kämpfen mit eigenen Phantomen auf dem "Melancholie-Feld", und schlecht an alldem ist lediglich, dass sie deren Ursprung einer unschuldigen Allegorie zuschreiben.
Unter der Glocke befindet sich das magische Quadrat des Jupiter. Dieses Darstellungselement trifft man auf keinem weiteren Dürer-Werk und es ist weder ein Symbol noch ein Attribut. Im Buch von Agrippa "Occulta philosophia", dessen Manuskript dem Künstler möglicherweise zugänglich war, lesen wir:
... Zahlenquadrate, welche man die heiligen Planetentafeln nennt, und die sehr viele und große himmlische Kräfte besitzen, insofern sie jene göttlichen Zahlenverhätnisse, die nach den Ideen des göttlichen Geistes durch die Weltseele in die himmlischen Dinge gelegt sind, sowie die liebliche Harmonie der himmlischen Strahlen darstellen, nach Maßgabe der die übersinnlichen Intelligenzen bezeichnenden Bilder, die nicht anders als durch Zahlzeichen und Charaktere ausgedrückt werden können. Die materiellen Zahlen und Figuren haben in den Mysterien verborgener Dinge keine andere Bedeutung, denn als Repräsentanten formaler Zahlen und Figuren, die durch die Intelligenzen und Göttlichen Sephiroth, welche die Endpunkte der Materie und des Geistes nach dem Willen der Erhobenen Seele verbinden, regiert und bestimmt werden. Bei großer Willenstärke vermag der Operierende, wenn er von Gott die Macht dazu erhält, durch die Weltseele und den Stand der Gestirne mit himmlischer Kraft auf eine mit Sorgfalt und magischer Kunst in die gehörige Form gebrachte Materie zu wirken.
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