Albrecht Dürer, MELENCOLIA I, Fragment


GLOCKE UND QUADRAT

Das leise Rieseln des Sandes in der Sanduhr - der Lärm der Zeit, das Knarren des Schiefers - der kleine Genius aus dem Gefolge der gigantischen Melancholie schreibt etwas auf die Schiefertafel, und das leichte Knistern des Feuers unter dem Tiegel - das ist alles, was die Stille in dem seltsamen Raum des Stichs stört, bevor die Glocke (oder die Alarmanlage) anfängt zu läuten, ausgestattet mit einem am "Turm" in der rechten oberen Ecke hängenden, zu jemandem oder zu etwas hinführenden Seil.
Wer läutet diese Glocke? Für wen läutet sie? Auf dem Stich fehlt der Adressat - die beflügelte Dame mit ihren Gefährten gehört nicht zu den sterblichen Wesen, und ungern muss man eingestehen, dass es entweder der Meister ist, der Polyeder und Kugel geschliffen, den Mühlstein hergestellt, das Feuer entfacht hat und fortgegangen oder verstorben ist (es kann sein, dass die Melancholie ebenso wie ihre unzähligen steinernen Schwestern auf den Friedhöfen der Neuen und Alten Welt um ihn trauert), oder es ist der Betrachter und es läutet um unsere Seelen, liebe Leser. Und die Glocke läutet und die Nachricht über das Ende verkündet der, sich auf der Polyederfläche spiegelnde, geheim auf dem Stich anwesende Tod. Nach dem Spiegelbild zu urteilen, ist er von gewaltiger Figur und steht irgendwo rechts hinter dem Rücken der Melancholie. Hätte Dürer diese Todes-Gestalt deutlicher und klarer dargestellt, beispielsweise wie üblich als skelettähnlichen Dämon, hätte er die Mission der Interpreten entscheidend erleichtert aber die Lösung der Melancholie erheblich geschwächt. Seine unsichtbare Anwesenheit ist ein Fund des Meisters. So ist es oftmals in Horrorfilmen - solange das Böse noch nicht tatsächlich erschienen ist, ist es dem Zuschauer noch unheimlich zumute, wenn aber die dämonenhafte, Kinder raubende Spinne auf dem Bildschirm erscheint, oder aber das gehörnte, Blut saugende außerirdische Monster - dann lacht der Zuschauer; darstellen bedeutet, aus dem Unterbewusstsein herauszuholen, zu neutralisieren .


Auf den Dürer-Werken hängt die Glocke fast immer am Hals einer Mähre, die den "König-Tod" führt, und ist offensichtlich dessen Attribut (Variation - die Schelle am Hals des die Verführung verfolgenden Schweins).
Sie klingelt, wenn der Tod naht, und bedeutet Unglück und Mahnung für den, der dieses Klingeln hört. Der Meister selbst konnte, nachdem er das Todesläuten hörte - Nürnberg wurde von der Pest heimgesucht - nicht wie der von ihm selbst geschaffene "Ritter" die Präsenz des Geistes bewahren und haute ab - fuhr nach Italien und ließ Mutter, Frau und Werkstatt in der verpesteten Stadt zurück...

Die auf dem Kupferstich "MELENCOLIA I" dargestellte Glocke läutet nicht, ihr penisförmiger Klöppel hängt unbeweglich und zeigt auf die Zentralachse des magischen Quadrates. Seine Stunde steht noch bevor.
Auf der Glocken-Außenseite ist entlang der unteren Kante eine kleine Reihe von Gekritzel, das man zunächst für ein Ornament oder einen dekorativen Fries halten kann, zu sehen. Mit Hilfe eines modernen Scanners kann man sie zwanzigfach vergrößert betrachten. Wir sehen eine aus der vierfach wiederholten Zahl "35" bestehende Aufschrift. Zwischen diesen gleichen Zahlen sind deren Trennungs-Häkchen gut zu sehen.
Die Zahl "35", als würde sie entlang des Frieses tanzen ("5" steht mit dem Kopf nach unten), vermittelt den Eindruck, dass der mit einer Vergrößerungsbrille arbeitende Meister, der mit absoluter Exaktheit mikroskopische Schnörkel auf dem Sanduhr-Gehäuse 3 cm links neben der Glocke dargestellt hat, es in diesem Fall eilig hatte.

Warum ausgerechnet die Zahl "35"? Ich weiß es nicht. Ich möchte nicht einmal spekulative Überlegungen über die Dreifaltigkeit Gottes, über die drei theologischen Tugenden, über den dreidimensionalen Raum, über die fünf Wandelsterne am Himmel, darüber, dass die Zahl 5 die Zahl des Merkur ist, über die fünf Wunden des Retters und über den aus 5 Buchstaben bestehenden Vornamen Gottes, den man abgekürzt auch mit drei Buchstaben schreiben kann, anstrengen...
Möglicherweise ist die "35" ein sympathischer Fehler des Meisters und der kleine Fries an der Glocke sollte aus der sich wiederholenden Zahl "34" bestehen, welche die Summe aus den Zahlen der Zeile des sich direkt unter der Glocke befindlichen magischen Quadrates ist. Dort , wo sich die erste Spalte und die zweite Zeile des Quadrates kreuzen (wo die Zahl "5" steht), hatte der Meister zuerst die Zahl "6" eingestochen, dies später aber korrigiert. Mit dieser Sechs ergab die Summe der entsprechenden Spalte und Zeile "35" und, indem er diese viermal auf der Glocke wiederholte, wollte Dürer möglicherweise deren Wirken verstärken...

 

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