Die "Apostelgeschichte", in der historische Zeit, geographischer Raum und ein nichtmystischer Held - der Apostel Paulus - erscheinen, ist sichtlich schwächer als die ersten vier Texte des Evangeliums. "Realistische" Bilder zu christlichen Themen stehen offensichtlich den gotischen nach. Cranachs Graphik, die das semantische Feld des Evangeliums mit Hilfe expressiver halbnaturalistischer Darstellungen erschafft, bilden eine der wenigen Ausnahmen.

Etwa bis zu seinem 45. Lebensjahr war Cranach Praktiker-Expressionist, Dürer war von der Jugend bis zum Tode Analytiker-Stilist. Auf dem Gebiet der Graphik blieben Cranachs wichtigste Arbeiten die demokratischen Holzschnitte, während Dürers wichtigste die elitären Kupferstiche waren. Selbst in jenen Fällen, wo Cranach z.B. manieristische Bilder mit antiken Sujets zu malen hatte und Dürer mit Geflügel und Zwiebeln handelnde Bauern zeichnete, dominierte beim Ersteren des Ideogramm, beim Letzteren die Stilisierung.
Der Stil Cranachs offenbart sich in gewissen, von uns geliebten Verzerrungen der Proportionen, während der Stil Dürers bei dessen fast wissenschaftlicher Suche nach den klassischen "richtigen" (als existierten sie!) Maßverhältnissen der Körperteile entwickelt wurde.
Auf Cranachs Arbeiten treffen wir auf das brennende, expressive Element des Volkslebens, Dürer überführt uns in den fiktiven Raum von Idealen, in dem seine "Melancholie" sitzt, sein "Großes Rasenstück" wächst und durch den ein mit metallischen Flanken flimmerndes Roß seinen grimmigen Reiter trägt.

Der Raum der Dürer'schen Holzschnitte ist fast immer gradlinig, während er auf den Cranach'schen sehr oft krummlinig, verdreht und zusammengeknotet ist. Auf dem Holzschnitt "Golgatha" bilden ihn die aus dem fruchtbringenden Chaos-Humus der unteren basreliefartigen Hälfte des Blattes herauswachsenden Baum-Kreuze und die Figuren der Gekreuzigten. Er entsteht infolge der mächtigen schraubenförmigen Bewegungen der Querbalken, die die weiße Leere schäumen machen und sie mit der Energie eines Strudels füllen, und der senkrechten Balken, die die Gekreuzigten von der in Schraffuren wimmelnden eitlen Erde losreißen und sie in weißes Nichtsein hinausschleudern.
Lokale Kompliziertheit fügen dem Raum des Holzschnittes verschiedenartige Bewegungen hinzu, z.B.: die der Maria nach unten, die des linken Schächers im Kreise herum, die des rechten Schächers in unterschiedliche Richtungen und die der Gebäude im Hintergrund um eine Achse.

Auf dem Holzschnitt "Christus am Kreuz" aus dem Zyklus "Die Passion" war Cranach gezwungen, Zugeständnisse an konservative Stereotypen zu machen. Er benutzt hier das gewohnte rechtwinklige Koordinatensystem der christlichen Dogmatik, vorgegeben durch das im ontologischen Zentrum des Weltalls stehende symmetrische Kreuz mit Jesus, einem langbeinigen, gut gebauten Athleten, und durch die beiden geradlinigen Kreuze der Schächer (die auch zu Sportlern gemacht werden mußten). Dieser Holzschnitt ist stilistisch unterteilt - seine obere Hälfte widerspiegelt das Streben nach stereometrischer Richtigkeit und kanonischer Symmetrie; die untere reproduziert das wiederholt beschriebene Aggregat-Ideogramm. Der untere Teil paßt schlecht zum oberen: das verderbende Dogma hat es schwer neben dem brodelnden Leben der durch den bäuerlichen Realismus Cranachs animierten gotischen Komposition.

Auf "Golgatha" aus dem Jahre 1502 ist die Einheit des Stils nicht gestört. Die Ohnmacht der Maria, die stumpfsinnigen Gesichter der Soldaten, die Grimasse des Zenturio, die geronnenen Krämpfe der Gekreuzigten und die gewaltigen, durch die Schwere der Sünde der Welt verkrümmten Kreuze - alles zeugt vom Riß der Zeiten, vom Bruch der Weltgeschichte.
Die Enden der Querbalken der Kreuze sind nach oben verbogen, die tragenden Pfähle sind von der Senkrechten weggebogen - ein nie dagewesener Kraftstrom oder ein unsichtbarer bleierner Wasserstrahl hat die dicken Stämme wie Plastilinstäbchen deformiert. Die ganze Komposition ist ergriffen von einer einzigen Aufwallung, alle Bewegungen, Drehungen, Gesten, Grimassen, Themen und Variationen tanzen in einem einzigen Rhythmus; mit einer dreifachen Spirale runden die furchtbaren Kreuze die Komposition ab...

 

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