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Lucas Cranach d.Ä., Hinrichtung der hl. Barbara
Als charakteristisches Beispiel eines solchen Waldes, der Eigenschaften eines Ideogrammes oder, im weiteren Sinne, eines semantischen Feldes bekundet, kann die Viel-Figuren-Komposition Cranachs "Hinrichtung der hl. Barbara" dienen. Es erstreckt sich von links nach rechts und nach unten in der unteren Hälfte des Holzschnittes und umfaßt die auf die Knie gefallene Barbara, ihren heidnischen Vater, der sie mit der Linken an den Haaren gepackt hat und mit der Rechten zum Schwerte greift, um sie zu enthaupten; einen Pagen, der dessen Gewand hält, Soldaten, Bauern (einen Stab in der Hand, im Hut einen Löffel). Die Überbevölkerung trägt hier deutlich betonten Charakter.
Es hätte den Meister nichts gekostet, bereits in der Phase einer Skizze den Kopf des spitznasigen Bauern, des Komplizen, dessen Kopf sich zwischen dem Vater und dem bösen Alten befindet, den Kopf des Soldaten mit dem schneckenförmigen Helm und den Kopf, der links oben hervorsteht, hinauszuwerfen. Und in diesem Falle fällt es schwer, zu glauben, Cranach hätte dies nicht tun können; er wollte ganz offensichtlich die Gespanntheit, die nicht so sehr durch den geschehenen Alptraum (Ermordung der Tochter durch den Vater), wie durch die Übersättigung der Szene mit handelnden Personen aufgeladen wird, nicht erleichtern, nicht entspannen.
Offenbar ist auch die betonte Verzerrung der Perspektive: die Abmessungen der Gesichter verringern sich mit zunehmender Entfernung fast nicht - der vom Betrachter am weitesten entfernte Kopf hat (unter Berücksichtigung des für den Betrachter unsichtbaren Kinns) dieselbe Größe wie der der Barbara. Diese Verzerrung ist die Folge vielseitiger Variation der Darstellung - jedem psychologischen Zustand gewährt der Meister mehrere Identitätsmasken. Die Darstellungen variierend, den Raum des Holzschnittes mit Dipolen, Tripolen u.dgl. sättigend, erschafft Cranach ein zusammengesetztes Ideogramm.
Die Idee dieses Holzschnittes ist die Hinrichtung. Die Hauptträger des Bösen - der Vater und zwei seiner Komplizen - sind drei Variationen einer Vorstellung; drei unterschiedliche Wendungen des Kopfes, drei Arten der Kopfbedeckung - kurz, drei Figuren-Zeichen in einer Tripol-Hieroglyphe des Themas "Das Böse". Die beiden Bauern, die das Versteck der heiligen Barbara verraten hatten - fast Zwillinge; einer mit Bart, der andere ohne; einer mit langer spitzer Nase, der andere mit dem Löffel im Hut usw. - bilden gemeinsam einen Dipol, dessen Parole lautet: "Wir gehen nur dran vorbei, es geht uns nichts an." Bei der Erarbeitung der Darstellung eines "Wächters" gibt Cranach drei Soldaten ein und dasselbe Gesicht, nur stellt er es aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln dar, variiert die Kopfbedeckungen und fügt noch zwei nach unterschiedlichen Seiten blickende Masken hinzu - zur Komplizierung der räumlichen Orientierung der Blicke, die von diesem so entstandenen fünfköpfigen Igel-Aggregat ausgesendet werden. Diener und Page schauen auf den Vater und bilden einen Dipol nach dem Prinzip "Pat und Patachon". Die auf die Knie gefallene heilige Barbara und der von links unten den Betrachter anschauende Hund vollenden das Ideogramm als gewisser Kontrapunkt, als inhaltliche und geometrische Asymmetrie.
Die Bedeutsamkeit des Holzschnittes als semantisches Feld rivalisiert bei Cranach mit der Bedeutsamkeit des Holzschnittes als Illusion des dreidimensionalen Raumes; vor dem Ideogramm weicht die Perspektive in den Schatten zurück. Dies verleiht seiner künstlerischen Sprache einen zweideutigen archaisch-modernistischen Akzent und schlägt gleichsam eine Brücke zwischen der Gotik und der Postmoderne, in der ein "Bild" gemäß dem Prinzip der "Antiparodie" ein semantisches Feld ohne Zeichen und ein Ideogramm ohne Ideen ist.
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