Sie überzeugen den Betrachter, obwohl sie unterschiedliche Aspekte widerzuspiegeln: Cranach - die Realität des Evangeliumsereignisse, deren Gegenwärtigkeit, Dionissi - die Realität Gottes, dessen ewiges Streben hin zum Menschen und Ausgießung des Heiligen Geistes in die Welt. Die Darstellungen, die fast zur gleichen Zeit geschaffen wurden, ergänzen einander so, wie sich Ost und West, die ersten drei "irdischen" Evangelien und das vierte, das "kosmische", wie sich die Briefe an reale Personen sowie die Sendschreiben an Kirchen und die Apokalypse, die Botschaft an die zukünftige Menschheit, ergänzen.
Das Zweite, was auf dem von uns betrachteten Holzschnitt frappiert, ist die Dichte, die Gedrängtheit, die Nichttrennung der Komposition in Hauptteile, der "Zusammenguß". Dem Auge fällt es schwer, sich darüber klar zu werden, was in diesem Gemisch von Schraffuren geschieht.
Nachdem ich die Reproduktionen fast aller Zeichnungen Cranachs durchgesehen hatte, habe ich nirgendwo Gedrängtheit, Enge bemerkt. Feine, sichere Linien. Hervorragende Arbeit mit dem Pinsel. Klare Komposition. In der Malerei des Meisters hegen die Figuren freilich auch die Vorliebe, sich in sinnverwandten Gruppen zu vereinigen. Dies schwächt jedoch den urwüchsigen, bisweilen etwas grob erscheinenden Stil Cranachs nicht ab, sondern verstärkt ihn im Gegenteil. Die archaische Dichte der Komposition und die Gespanntheit der Verkopplung der Figuren, das Nicht-Klassische, Nicht-Dürer'sche ist es, was an seiner Darstellungskunst am meisten fesselt. So ist denn der Meister auch nie zurechtgekommen mit der Komposition von Personengruppen und der Kompliziertheit der Anatomie seiner Venus- und Amorgestalten, Nymphen, Märtyrer, von denen viele Mutationen des Skeletts oder so etwas wie lokale Wassersucht haben - was sie eben derart expressiv macht.
Erst nachdem man genau hinschaut, sich konzentriert hat, kann man (bereits im Bewußtseinsfeld) den Fichtenwindbruch der Linien in der unteren Hälfte des Holzschnittes in Gruppen und einzelne Figuren unterteilen. Es fällt nicht leicht, zu erraten, daß der nackte Fuß in der linken unteren Ecke der des Johannes ist, der die in Ohnmacht fallende Maria stützt, und daß die beiden Beine, die unmittelbar hinter den in der rechten unteren Ecke herumliegenden Leichen stehen, die des Pferdes des die Hinrichtung beobachtenden kinnbartlosen Juden "mit Schläfenlocken" sind. Mit einiger Mühe unterscheidet der Betrachter drei Begleiterinnen der Maria, die mitleidsvoll auf sie schauen, ein sich umfangendes Paar, zwei Soldaten, von denen einer die Lanze mit dem essiggetränkten Schwamm hält, drei Berittene.
Der Hut des Zenturio "ergreift" den Pflanzenwuchs im Hintergrund. Der Helm des Ritters verschmilzt mit den Details am Hügelhang, seine Figur verwächst mit dem Torso des Juden, so etwas Ähnliches wie siamesische Zwillinge bildend, während sein Roß in den Zentauren-Zenturio "hineinläuft". Ein Mittelgrund fehlt völlig. Der Vordergrund, der der "Hauptgrund" ist, bildet die Darstellungsebene, der vereinzelt sichtbare Hintergrund wird als solcher nicht wahrgenommen.
Am einfachsten wäre zu schlußfolgern: auf diesem frühen Werk hatte Cranach keine Klarheit der kompositorischen Gliederung des Innenraumes des Holzschnittes erreicht, oder die Qualität der Arbeit des Holzschneiders hatte zu wünschen übrig gelassen. Doch auch die Kompositionen seiner nachfolgenden Holzschnitte waren dicht, übersättigt, und dies hing nicht von der Arbeitsqualität seiner Gehilfen, der Holzschneider, ab. Nein, es konnte nicht sein, daß der Meister die übermäßige Dichte der Orchestrierung seiner Schöpfungen nicht bemerkt hätte. Leicht können auch entgegengesetzte Beispiele angeführt werden - Holzschnitte mit überzeugend ausgearbeiteten Bildebenen ("Büßender Hieronimus") oder mit italienisierter klassischer Gliederung der Komposition ("Opfertod des Marcus Curtius"). Das heißt, Cranach hatte einen Hang zu diesem Gemisch, ihm gefiel der dichte mittelalterliche Wald (in dem sich das Auge des Beobachters, gewohnt daran, entlang der Konturen zu eilen, auch verirren kann), der aus dornigen Nadel-Schraffuren, Zweig-Armen, Zweiglein-Fingern, Körper-Stämmen, Nasen-Ästen, Haar-Gräsern besteht. Aus diesem Walde sind viele Romantiker, Expressionisten, Tachisten gekommen...
Wie die Spinne im Dickicht breitet Cranach seine Spinnengewebe aus - eine Falle für den Blick des Betrachters, ein Labyrinth für Liebhaber der Suche nach dem Sinn-Minotaurus.

 

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