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Dionissi (Schule), Kreuzigung, um 1500
Der zur Moskauer Schule gehörende Ikonenmaler Dionissi (ein weltlicher Künstler, der wie Cranach mit Söhnen und Gehilfen nach Aufträgen arbeitete), in dessen Werkstatt im Jahre 1500 die Ikone "Kreuzigung" gemalt worden war, löste dieselbe Aufgabe der Verkörperung des Evangeliumsereignisses.
Von Realismus braucht hier überhaupt nicht gesprochen zu werden - vor uns ist eine symbolische Darstellung der Kreuzigung in der fiktiven, fast flachen Welt der Ikone. Die Personen der Handlung erkennen wir jedoch. An einem hölzernen Kreuz hängt (oder steht) Christus. Bemerkenswert, daß der Ikonenmaler, der "realistische" Bilder weder zu schaffen vermochte noch wünschte, im gegebenen Falle das wichtigste Detail der Kreuzigung bewahrt - den kleinen Querbalken des Kreuzes, ohne den der Leib des Gekreuzigten durch sein Eigengewicht, die Haut zerreißend, einfach nach unten stürzte. Links vom Kreuz ist Maria mit ihren Begleiterinnen, rechts der junge Johannes und der fromme Zenturio Longinus. Im Mittelteil der Ikone fliegt links Ekklesia, die symbolische Kirche, in Begleitung eines Engels zum Kreuze, rechts wird Synagoge durch einen anderen Engel vom Kreuze weggejagt. Das Kreuz ist in einen Hügel - Golgatha - gerammt; darinnen ist eine Höhle mit dem Schädel und den Gebeinen Adams. Alle Figuren sind (wie bei Modigliani) in die Höhe gestreckt. Die sie bedeckende Bekleidung zeigt keine Eigenschaften von Geweben - eher sind dies wunderbare Farbenkristalle oder die erstarrten astralen Körper von Personen, die geistigen Glanz ausstrahlen - das nicht aus der Schöpfung herrührende taborische Licht.
Ungeachtet dessen ist alle Kleidung - die Stolen und Tuniken der Frauen, der Chiton und das Himation des Johannes, das Kriegsgewand des Longinus - identifizierbar und formal historisch: der russische Künstler stellt Juden, Engel, den Römer - handelnde Personen eines Ereignisses, das in den 30er Jahren des ersten Jahrhunderts in Jerusalem geschehen ist - in byzantinischer Kleidung dar. Erfolgt auf Cranachs Holzschnitt die Rekonstruktion des Evangeliumsereignisses mit Hilfe von Realien der Epoche des Meisters, so ist auf der Ikone des Dionissi die Gegenwart des Künstlers selbst überhaupt nicht zugegen. Möglicherweise nur in der Methode, im Bestreben, unsichtbar. Die Epoche des realen Christus interessiert den Meister ebenfalls nicht; sie ist auf der Ikone nicht vorhanden. Abstand nehmend vom Historischen, eine byzantinische, sowohl der Epoche Christi als auch seiner eigenen fremde Form der Kleidung und eine bedingte, durch die Erfahrung des "hieratischen Konzils" der Ostkirche entwickelte Darstellungsmanier benutzend, erschafft der Ikonenmaler den mystischen Archetyp der Kreuzigung, das eigentliche Metaereignis, das durch die ontologische Bedeutung seinen Textträger - das Evangelium - und jede Realität übertrifft.
Bewußt reduzierend, hat Cranach Christus mit dem Körper und dem Äußeren seines Zeitgenossen versehen. Dazu mußte Jesus im eigenen Zeitgenossen "erkannt" werden; es mußte die zum hierarchischen Aufflug umgekehrte Operation der Reduktion, ausgeführt werden, die unmittelbar der revolutionären Weisung des Evangliums entspricht, Gott in unserem Nächsten zu suchen, nicht aber "im Himmel". Einer Weisung, die die Orientierung des geistigen Kosmos radikal ändert, den alttestamentlichen Kegel umdreht, an dessen Spitze sich ein alles sehender, eifriger Gott befand, während an der Basis die Menschen, kleinen Fliegen gleich, kribbelten, und zwar so, daß er sich aus einer stereometrischen Figur in etwas Organisches verwandelte - in einen Baum, in dessen Krone sich ein Unterschlupf für den Vogel befindet, oder in ein Weizenfeld, oder in eine Herde von Schafen, deren wichtigstes des verlorene ist und in jedem derselben Christus lebt. Mit seinem Holzschnitt erleichtert Cranach die Bewußtseinsarbeit des Betrachters, welcher die Gestalt des Menschen Christus synthetisiert, der an den durch Pilatus freigesprochenen Zeloten Barabbas erinnert, doch er erschwert die übersinnliche Erkenntnis Christi des Verklärten, des Anklägers der Welt beim Jüngsten Gericht, eines der Architekten des Alls. Cranachs Gestalt entspricht einem Jesus, der in der Trübsal vor seinem Tode kundtut: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mark. 15,34), entspricht aber nicht Christus, dem Sohne Gottes, der gesagt hatte: "Abraham, euer Vater, ward froh, daß er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich... Ehe denn Abraham ward, bin ich." oder "Und nun verkläre mich du, Vater, bei dir selbst mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war." (Joh. 8,56.58 und 17,5)
Bei aller Unterschiedlichkeit des Holzschnittes von Cranach und der Ikone von Dionissi besitzen sie eine ontologische Ähnlichkeit - sie beruhen auf dem tiefen Glauben der Künstler an das Leben des Evangeliums und neigen daher nicht zu jener Nekrophilie, die ihren süßlichen Leichenbeigeschmack auf einer Vielzahl von Werken der christlichen Kunst hinterlassen hat.
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