Lucas Cranach d.Ä., Golgatha, um 1502


Lucas Cranach d.Ä.
Ausschnitte aus: "Cranachs Golgatha", 1997

Dieser Text ist die Betrachtung eines der beiden frühen Holzschnitte Cranachs mit der Darstellung von Golgatha gewidmet, die etwa in das Jahr 1502 zu datieren ist, d.h. zur Wiener Schaffensperiode des Meisters gehört.
Das Erste, was den Betrachter auf dem Holzschnitt "Golgatha" frappiert, sind die gewaltigen Baumstämme, an denen die Gekreuzigten hängen, und die grotesk-expressiven Formen ihrer Körper. Der Körper des links von Christus gekreuzigten Schächers ist verkrümmt, als sei er aus Gummi; er ist ein wirbelloses Tier. Sein zurückgeworfener Kopf mit den herunterhängenden Haaren - ein Paradigma der Qual, erschütternden Leidens, des Jüngsten Tages - erscheint wieder auf beiden Cranach`schen "Hinrichtungen der heiligen Katharina", der Dresdner und der Budapester, wo er genau so wie auf dem betrachteten Holzschnitt als umschaltendes Signal, als Ferment dient, das den Schock des Betrachterbewußtseins hervorruft, den "Eintritt" in den fiktiven Darstellungsraum erleichtert.
Der rechts hängende Schächter, der einem gefolterten und hingerichteten Sancho Pansa ähnelt, ist gleichsam zum Spott mit pflanzlichen Federn geschmückt, die sich von dem dicken verstümmelten Baumstamm her ausbreiten - seinem Ebenbild und Antipoden, kompositionell symmetrisch zur Lanze mit dem Essigschwamm im linken Teil des Holzschnittes und durch seine Wildheit und das Nicht-Kanonische die traditionelle Symmetrie zerstörend.
Die Synoptiker betonen, daß Simon von Kyrene gezwungen wurde, das Kreuz Jesu oder nur den Querbalken zu tragen, doch laut Johannes trug Jesus sein Kreuz selbst (woraus folgt, daß sie es möglicherweise gemeinsam getragen haben, wie dies z.B. auf einem Holzschnitt Cranachs aus seinem Zyklus "Die Passion" dargestellt ist, oder aber nacheinander). Solche "Kreuze", die in unserem Bilde wachsen, hätte nur ein Kran anheben und ein Lastkraftwagen transportieren können. Diese Kreuze dominieren; ihre schlimme Schwere, ihre Asymmetrie, die scharfen Krümmungen und die ungeheuerlichen Verbiegungen erzeugen eine Schreckensatmophäre der absoluten Macht des Bösen.
Jesus ist dargestellt als nicht großgewachsener Mensch, kurzbeinig, irgendwie gleichsam plattgedrückt. An dünnen Ärmchen hängt ein stämmiger, gedrungener, muskulöser Körper. Das etwas grobgeschnittene Gesicht mit der gebogenen Nase ist in Erwartung des Todes zur Grimasse verzerrt.
Die ganze Szene hat weder den Hauch des Göttlichen, Majestätischen, noch Demut oder gar Vertrauen in allerhöchste Mächte.
Drei mehr oder weniger grobschlächtige Kerle, hingerichtet z.B. während des bevorstehenden Bauernkrieges. Der Meister verzichtet bewußt auf jegliche Ästhetisierung und Kanonisierung der Hinrichtung. Darin steht er Matthias Grünewald nahe. Eben diese Tendenz oder diese neue Freiheit verleiht der in Karlsruhe aufbewahrten "Kreuzigung" Grünewalds in Öl eine derart ungeheure Ausdruckskraft. Dieses großartige Werk ist eine Herausforderung nicht nur für die gesamte mittelalterliche Kunst, sondern auch für die Idee der Kunst selbst.
Die auf dem Holzschnitt wiedergegebene Realität - d.h. Form und Art der Waffen, der Kleidung, der Architektur; die Landschaft, Rassenmerkmale der dargestellten Personen und deren Gesichtsausdruck - ist offensichtlich die damalige, den Künstler umgebende Wirklichkeit. Und die Holzstämme, an denen die Gekreuzigten hängen, sind weder Übertreibungen noch Fehler, sondern nur eine geringfügige Abweichung vom Evangelium, die zugelassen wurde, um Fülle des Miterlebens, Verstärkung der Illusion von Gegenwärtigkeit, Aktualität des Geschehens im Handlungsfeld des Holzschnittes zu erreichen.
Cranach, geboren und aufgewachsen im waldreichen, bergigen Frankenwald, stellt Christus als seinen Zeitgenossen dar, gekreuzigt an einem Baum mit abgesägten Zweigen und Ästen, mit einem gestutzten Stamm und einem daran befestigten schweren Querbalken. Dieser Baum ist Werkzeug für die Hinrichtung eines Menschen, nicht aber Yggdrasil oder der paradiesische "Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen", der durch das Opfer des Erlösers in den "Baum des Lebens" verwandelt wurde.
Das Evangeliumsereignis versteht er als "immer geschehend" und "immer gegenwärtig", das Evangelium selbst hingegen als eine gewisse Matrix, mit Hilfe derer unterschiedliche Epochen - auch das Leben des einzelnen Menschen - gewebt werden. In der eigenen Arbeit sieht der Meister ein Mittel der Wiederherstellung eines realen anderthalbtausend Jahre alten Ereignisses.
Details der Darstellung sind von ihm nicht einfach automatisch aus der ihn umgebenden Welt entlehnt, sondern wie Pflanzen aufgezogen, deren Samen aus unterschiedlichen Epochen gewonnen wurden. Sehr wohl verstehend, wie a priori unvereinbar das Evangeliumsereignis mit dem "naturalistisch" dargestellten, in die Sackgasse des "Realismus" - in einen Gegenstand, in eine Sache, in Bekanntes getriebenen gegenwärtigen Ereignis ist, erschafft der Meister eine Hybride, die die Epochen kongruent macht, dem Bewußtsein des Betrachters gleich einem Apfelbaum ein fruchttragendes evangelisches Zweiglein aufpfropft.

 

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