Die Zeichnung mit einem Reichtum an kleinen und abstrakten Details sättigend, lädt Claus den Betrachter zu Beschauung ohne Beeilung und zur Mitarbeit ein, so wie der Betrachter eingeladen worden ist von Bosch, Bruegel und vielen anderen Meistern polyphoner Werke, auf denen das komplizierte "Ganze" als Einheit der Vielfalt selbständiger (bei Claus - halbselbständiger) Gestalten-Formen-Elemente entsteht (der "Brief" erinnert als Porträt merkwürdig an einen der Dämonen aus Bosch's Triptychon "Die Versuchung des heiligen Antonius"). Jedoch ist die Stärke der inneren Vielfalt der Motiv-Strukturen bei Claus offenbar nicht ausreichend dafür, den Betrachter auf längere Zeit innerhalb der Zeichnung festzuhalten. Man kann nur etwa ein Dutzend sich wiederholender und variierter Typen linearer Strukturen auf dem semantischen Feld des "Briefes" zählen. Das heißt, entweder muß man, mit Geduld gewappnet, im eigentlichen Sinne lesen, die Zeilen in Wörter zergliedern und die Wörter in Buchstaben, um die formalen Strukturen durch phonetisch-sinnfällige Assoziationen zu ergänzen, oder gegen den offensichtlichen Wunsch des Autors den Versuch machen, dessen Arbeit als ein nichtstandardisiertes komponiertes Ganzes wahrzunehmen.
Im ersteren Falle wird (ohne daß es dafür gewichtige Gründe gäbe) das Universalitätsprinzip der Sprache der Graphik verletzt - offensichtlich hat der Autor sein Werk im Hinblick auf die Vereinigung verbaler und nichtverbaler Schichten geschaffen, darauf, daß sich von der graphischen Ebene phonetische und Sinnes-Wirbel losreißen und nach oben fliegen, die jedoch nur den Trägern einer mit dem Autor gemeinsamen Sprache verständlich sind.
Im zweiten ist man gegen die Logik des Stils gezwungen, die relative Trivalität des Ergebnisses anzuerkennen, was freilich ungerecht wäre. Ich nehme an, eben dieser Widerspruch zwingt den Meister, andere Ausdrucksformen zu suchen, doch gelangt Claus, vom Stil seiner Glanzarbeiten abweichend, auf ein von Tausenden nicht tiefgründiger Künstler umgepflügtes Feld und wird inmitten derer unauffällig.

Claus' Zeichnung fehlt nach meiner Ansicht das Element der Transzendenz - seine Spontanität ist allzu gut berechnet, seine Flüge sind nur in Verstandesräumen möglich, die durch eiserne Rahmen abgegrenzt sind. Seine Vibrationen zerstoßen nicht die Steine in den Nieren der Phantasie, seine Spinnennetze sind allzu rational - es ist unklar, ob sie die Spinne überleben...
Die "Chaose" auf Claus' Zeichnungen kann man entwirren wie Fadenknäuel: die Linien mit einer Pinzette herauszupfend, sie mit der Hand glättend, den ganzen "Brief" auf einem theoretischen Tisch ausbreiten. Auf diesem Wege sind Tausende von Knoten zu lösen, was offenbar nicht leicht ist, doch treffen wir keine unentwirrbaren, irrationalen Seemannsknoten an. Topologisch ist Claus' Zeichnung ein sehr langer Faden, der in eine Vielzahl von Einzelstücken zerschnitten ist.
Dieser Faden, kunstfertig auf beiden Seiten des halbdurchsichtigen Papiers verlegt, ist der Ariadnefaden, durch dessen Aufgliederungen, Vibrationen und Veränderungen der Lage eben die Zeichnung erschaffen wird. Auf diesem Faden sind des Künstlers Gedanken aufgereiht, an diesem Faden hängt sein denkender Körper.
Derselbe Faden ist die wunderbar singende Saite, die mit einer Vielfalt von Tönen, nicht aber mit der Langeweile von Sinnen-Themen den Betrachter anzieht.
Ohne sich zu beeilen, doch energisch, mit der Geradheit eines überzeugten Menschen, murmelnd wie Glenn Gould, spinnt der Meister den Faden, entwickelt seine zeichen-phonetische Maschine. Die variierenden Wiederholungen von Tönen, Mantren, die sie reproduziert, ähneln der Musik von Philip Glass.
Anstelle einer Vertiefung des "Themas" zeugt Claus' Zeichnung von postmoderner Atomisierung der "Themen", ihrer Zerlegung in Vibrationen, Impulse, Töne...
Anstelle der Teilnahme an einer philosophischen Expedition hat die Ameise zu springen, zu zucken, zu tanzen, solange die Ladung ihrer Batterie reicht.

 

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