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Nachdem sie auf ihrem Weg aus höheren Welten in den Wolken der ungelöschten, über dem "Brief" Knäueln gleich aufsteigenden Autorenaura geflogen ist, ergibt sich die Ameise der einsaugenden Kraft des Strudels, der im rechten Auge des Idioten schäumt, und sinkt auf einer Spirale direkt in dessen leere Pupille hinab. Und bemerkt sogleich, daß sich's auf dem "Weißen" hier leicht laufen läßt. Mit Ausnahme einiger "Treppen-Fallen" gibt es fast keine geschlossen Konturen, und zwischen den Zeilen ist genügend Platz. Außerdem läßt es sich zu beiden Seiten des durchsichtigen Glases fortbewegen, und ermüdet von der Eintönigkeit der zwischen den Zeilen liegenden Straßen, kann versucht werden, die Häuser-Hieroglyphen zu lesen, besonders auf der Rückseite der Zeichnung.
Auf Cranachs Holzschnitt wird das passive Nichtsein - das "Weiß" - so von Konturen begrenzt, daß es zu aktivem Sein wird, indem es sich gleichsam mit unsichtbarem, jedoch spürbarem Sinn-Fleisch füllt. Bei Claus bleibt das "Weiß" formlose, unbearbeitete Leere. Die weiße Leere (oder die Zwischenräume, der Fond) - das ist der innere Raum der Zeichnung, deren Ventilationssystem. Auf Cranachs Holzschnitt weht wegen der vorherrschenden geschlossenen Konturen nicht einmal ein Lüftchen. Noch schlimmer - gänzliches Vakuum herrscht auf den monotonen Netz-Holzrissen Otto-Hüttengrunds. Das Lüftchen ist auch bei Claus nicht da, doch kann man atmen - allerorten sind Apparate der rhythmischen künstlichen Beatmung aufgestellt.
Das "Schwarz" übt zwei Funktionen aus: an sich bildet es die Form, und es gibt der weißen Leere die Form, indem es deren Grenzen mit Konturen oder Niveaulinien - Schraffuren - umreißt. Eben diesen, den zweiten Weg der Formbildung ignoriert Carlfriedrich Claus bewußt. Stellt man sich seine Methode in Form eines Klavierstückes vor, so wird dies eine Sonate für einen Klaviervirtuosen sein, der nur einen Finger hat. Es bleibt allein die Verwunderung darüber, wie viel auf diese Weise aufgespielt werden kann...
Der Meister nutzt nur eine Vibration - die Vibration der Hand, in der er die Feder hält, und die Bewegung der Hand. Sein ganzes Experiment, die ganze Entwicklung des Themas geschieht in einem streng begrenzten Frequenzbereich. Das All in eine Reihe (oder in eine Zeile) zerlegend, nutzt Claus nur das erste und zweite Glied einer in beide Richtungen unendlichen Zerlegung.
Nachdem die Ameise "zwischen den Zeilen" herumgerannt ist und begriffen hat, daß dies nicht produktiv ist, steigt sie auf die Wände und läuft auf ihnen entlang, wie ein Grashüpfer über die riesigen leeren Stellen auf der Vorderseite der Zeichnung springend und mit den Beinchen trippelnd, die endlosen Zwischenräume der Rückseite des Mondes überwindend. Da kapiert sie, daß sie nicht auf Wändchen läuft, sondern über winzige Tasten oder Saiten, und daß sie alle vibrieren, klirren und Töne von sich geben, während einige sogar Worte oder kurze Phrasen singen.
Am häufigsten aber hört man Gemurmel, Seufzer, Pfiffe oder Töne, die ein Radio beim Einstellen im Kurzwellenbereich von sich gibt. Durch das Chaos hindurch werden Melodiefetzen, Bruchstücke aus Opernarien, kreischende Maschinengeräusche, Hilfeschreie hörbar...
Claus' Labyrinthe - das sind Äolsharfen oder Spieldosen, zum Klingen gebracht durch das auf sie fallende Licht - des menschlichen Blickes, der Reihe von Noten und der wahnsinnigen Libretti für schnurrende Grinsekater. Sich ihre kleinen fehlenden exoterischen Ohren zuhaltend, eilt die Ameise hinaus auf die reinen weißen Felder - zu Atem zu kommen und sich zu erholen von der Kakophonie.
Es ist unmöglich, Claus' "Brief" auf eine gewisse formal-sinnige Einheit zurückzuführen; er zerfällt, zergeht, die Buchstaben und Zeichen rennen auseinander, epileptisch schlotternd und in Größe und Bedeutung abnehmend. Mit viel Mühe läßt sich dieses Spinnengewebe mit den in ihm hängengebliebenen Hunderttausenden von Fliegen über der Papieroberfläche anheben, vergrößern und zum Trocknen aufhängen. Claus bezeichnet ein Zimmer mit solchen Laken als Experimentalraum, als Aurora (die antike Aurora - Morgenröte war Mutter von Luzifer - Morgenstern, der selbst ein Gott sein wollte und deswegen aus dem Himmel gestürzt wurde).
Noch schwieriger ist es, ein solches Laken im Bewußtsein abzudrucken. Dafür kann man, nachdem man aus der Hirnwatte einen langen Blindenstock herausgezogen hat, ohne sich zu beeilen genußvoll auf alle Tasten, Saiten, Knöpfen spielen, die überall hin und her laufenden Zeichen-Insekten berühren...
Claus' Spieldose besitzt keinen Korpus, keinen Resonanzboden; allein für sich, als Ganzes klingt er nicht - und das ist ihre Schwäche.
Dafür klingt und singt ein jedes kleine Teilchen an ihr, vibrierend mit seinen winzigen eindimensionalen Wurmkörperchen, und nachdem sich die Ameise erholt hat und sich dessen bewußt geworden ist, daß diese Musik eben für sie programmiert ist, springt sie freudig ins dichteste Gewirr hinein und verliert sich in den Kaskaden der sich verstreuenden Töne...
Auf dem "Brief" ... die Struktur der Aufzeichnung, die Naivität und das Rührende der Handschrift, das Organische des Chaos beibehaltend, zahllose passive leere Stellen im Darstellungsfeld belassend, gestattet Claus es dem Betrachter, eigene assoziative Reihen aufzubauen. Die Entropie ist hier zwar nicht sehr groß, doch sie ist nicht gleich null. Zufälligkeit ist in kleinen, sehr gut berechneten Dosen (und nur für die kleinen Formen) zugegen.
Der Entomologie-Meister deklariert: wir befassen uns mit Gedanken-Insekten, und Sie, meine Herrschaften, können Ihre Bienen auf mein Kleefeld lassen, was aber dabei herauskommt - ob der Honig süß oder bitter sein wird - das werden wir danach sehen. Erstaunlich ist hier nicht so sehr die Diszipliniertheit des Künstlers, der es Palmen, Affenbrotbäumen und selbst Fliederbüschen nicht gestattet hat, auf seinem Brief-Feld zu wachsen, als vielmehr seine Erwartung einer ebensolchen Diszipliniertheit seitens der Phantasie der Betrachter.
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