Ausschnitte aus "Cranachs Golgatha"

Die beiderseitige Zeichnung "Beginn eines Briefes an Will Grohmann" von Carlfriedrich Claus aus dem Jahre 1963 ist gleichzeitig eine üppig gewachsene Notiz, auf halbdurchsichtigem Papier heraustätowiert, ist Textogramm und Portätmaske irgendeines Teufels (es sind Hörner vorhanden). Möglicherweise die von Lenin oder Stalin, zumindest kann man diese beiden Namen entziffern. Stellt man die Zeichnung auf den Kopf, so bekommt der Porträtbrief noch abstoßendere Züge.
Der Künstler schreibt, seine Zeilen verbiegen sich; er dreht und wendet das Blatt, dreht es und fährt fort zu schreiben. Ergänzt, sättigt das Textogramm mit Wörtern, die einen Sinn haben und sich aus dem Reservoir des Bewußtseins ergießen als Halbgedanken-Halbzeichen, Gekritzel des Unterbewußtseins und einfach als unbearbeitete Seelenreflexe. Er benutzt alles: sowohl jahrelang durchdachte Konzeptionen als auch Assoziationsfetzen - Bewußtseinsmüll. Mit den Zeilen wie mit Linien operierend, skizziert er ein paar mittlere und große "erkennbare" Formen: Augenhöhlen, eine Mundhöhle, eine kurze Nase und einen an ihr hängenden Zeichen-Popel.

Kleine Zeichen, Buchstaben, Wörter, Zeilen, Strichelchen und Krakel dienen dem Meister als formbildendes Material. Ihre Komprimate, Verpflechtungen und Verbindungen bilden in ihrer Gesamtheit ein Modell, eine Karte oder Chronik der Bewußtseinsarbeit eines Geschöpfes, das unfähig zur Verallgemeinerung ist, an Kleinigkeiten hängt und im buchstäblichen Sinne des Wortes versucht, aus Tausenden von Fliegen einen Elefanten zu machen. Nachdem er im Endergebnis etwas gewonnen hat, das sowohl der philosophischen Maschine des Raimundus Lullus als auch der grauenerregenden Phantasie Stephen Kings ähnelt, nämlich den Kopf eines schreitenden Riesen, zusammengesetzt aus lebendigen Menschen, die durch Stricke miteinander verkoppelt sind, bleibt der Meister offenbar der Überzeugung, daß sein Ziel kein Fliegenelefant als Ergebnis, sondern die Entwicklung des Themas, die Schreibart, das Experiment war.

Es ist anzunehmen, daß es kaum jemanden in den Kopf kommen wird, solche Briefe tatsächlich zu "lesen": die äußeren Formen dieses murmelnden Planktons entsprechen nicht dem eigentlichen lokalen Sinn. Diese Briefe an sich selbst, vorgesehen zur Meditation und Intervention des Gedankens des Autors, sind nur insofern nicht abstrakt, als in ihnen erkennbare Gestalten, definierbare oder schwach definierbare Formen erscheinen. Claus' Textogramme, seine tanzenden Zeilen, Dickichte, Gebüsche, Plantagen von Zeichen, die Bärte und Kolonien surrealer Insekten sind ausschließlich vom formalen Standpunkt her, an sich interessant. Die politischen Überzeugungen des Künstlers, der durch seine linke basreliefartige, schon im Vornamen eingeprägte Einstellung bekannt war, hätten z.B. streng entgegengesetzt sein können, und das würde der Betrachter nicht bemerken. Die Kunstgeschichte kennt Beispiele dessen, daß sich der freie Gedanke eines Künstlers frei entwickelt (wie die Mikroformen auf Claus' Zeichnungen - Makroformen haben hier keinerlei Rechte und dürfen sogar nur als Folge der Entwicklung von Mikroformen-Stämmen geboren werden), während er politisch ein Reaktionär ist, der zur Unterdrückung der Freiheit der Persönlichkeit aufruft oder den Bau der Berliner Mauer gutheißt.

Die Zeilen und Zeichenfolgen auf Claus' Zeichnung breiten sich langsam, im Rhythmus der Atmung und des Herzschlages, im Rhythmus des Wechsels der Gedanken und des Schreibens von Briefen, des Zitterns der Finger und der Vibration der Nerven über das Blatt aus (das Textogramm ist zugleich Kardiogramm und biologischer Seismograph und semantischer Lügendetektor). Etwas Organisches bildend, füllen sie wie semiotisches Moos oder Zeichen-Schimmel das Feld. Der Meister erschafft sie nicht als Demiurg, sondern beobachtet eher von oben ihren Wuchs, wie ein Gärtner auf seinen Garten achtgibt, das Unkraut jätend, den Rosenbüschen allzu üppiges Wachstum verwehrend, pflanzt er Kulturen des Daoismus, der Kabbala und der Alchimie aus, all dies mit dem Mist der kommunistischen Utopie düngend.
Dies ist natürlich freie Entwicklung, aber nicht für alle, sondern nur für die Kleinen - ein philosophischer Kindergarten der von den Eltern losgerissenen Formen-Kinder, die nicht zu Erwachsenen werden dürfen. Und ein Mekka für die exoterische Ameise.

 

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