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Marc Chagall, Der Geiger, 1912/13
Der grüngesichtige Geiger hält eine halb orangene, halb gelbe Geige in den Händen und steht mit einem Bein auf dem Dach eines kleinen Hauses, mit dem anderen auf einem grünlichen Kreis - der Erde. Rechts - eine leicht rosafarbene Kirche mit einem Kreuz (durch sie und durch den "Geiger" selbst hindurch schimmert die ungeweißte Leinwand), ein Baum mit blauer Krone, in der weiße Vögel sitzen. Auf dem weißen Schnee sind Spuren zu sehen, als ob ein kleiner Mensch darübergelaufen wäre, doch nicht dort drinnen, sondern im oberen Teil der Oberfläche des Bildes.
Kleine Häuser. Am Himmel fliegt eine menschliche Figur. Drei Köpfe junger Leute, für alle zusammen nur mit zwei Beinen ausgestattet, starren den Geiger an. Lustig! Bart und Haare des Geigers sind blau. Das rätselhafte grüne Gesicht strahlt vor Begeisterung.
Die herbstliche gelbliche Färbung im Vordergrund geht über Helles in frühlingshaftes Grün über, im Mittelgrund aber ist Schnee - der Winter.
Die Fenster an den Häuschen links sind in einer zur Perspektive der Wände umgekehrten Perspektive gemalt. Alle Bauten sind in einer Sicht "von der Seite" dargestellt, was die Landschaft in eine mehrgeschossige Komposition verwandelt (dieses Element der Ikonenmalerei verschmolz beim frühen Chagall mit Elementen des Kubismus und dem Stil Delaunays).
Der Geiger selbst besteht (z.B. wie Italien) aus Gebieten bzw. Bereichen. Jeder Bereich ist durch seine eigenen Farbe kenntlich gemacht - einem Zeichen der Zugehörigkeit zu einer gewissen psychoenergetischen Schicht. Intensives Grün, Blau, Orange bildet den auf dem Bild dominierenden Farbakkord. Alle übrigen Bereiche - die rosafarbene Kirche, der gelbgrüne Kreis, die blauen Streifen, das kleine rote Quadrat des Kirchleins links - ergänzen die Komposition zu einer harmonischen Einheit. Halbtöne gibt es nicht. Es gibt nur Variationen der Intensität einiger Grundfarben und seltene Überdeckungen.
Alle streng getrennten Bereiche dieses Bildes sind ein- oder zweifarbig (um diese von den Kubisten kommende Besonderheit der Komposition zu zerschlagen bzw. abzuschwächen, verwendet Chagall in der Folgezeit breite Pinselstriche, Elemente des Pointillismus, verzichtet fast gänzlich auf scharfe Konturen). Und jede Farbe erzeugt einen gewissen emotionalen Druck. Das Bild anschauend, gerät der Betrachter in die Farbflächen-Bereiche gleichsam wie in Farbfallen. Sein Blick verweilt eine gewisse Zeit in den Grenzen des Bereiches und gleitet innerhalb desselben hin und her, sich mit Farbe sättigend. Um den Konzentrationspunkt der Sicht des Betrachters innerhalb der Farbflache, innerhalb der Form zu halten, sättigt Chagall die Farbe bis zur Grenze der Möglichkeiten von Ölfarben. Der expressive Schlag seiner Farbe geht durch die Schutzfilter des Bewußtseins hindurch direkt ins Zentrum der Nervenknoten, in den Empfänger, den Motor der menschlichen Emotionen.
Des Betrachters Blick irrt auf einem Bild Chagalls nicht umher. Er bleibt in den Farbfallen stecken - den Bereichen übersättigter Farbe. Chagall, der Seelenfänger, befiehlt: Grün! Orange! Blau! Seine Schuld gegenüber dem Befehl eingestehend, trinkt der Betrachter den herben Wein der Energie der Farbe.
Chagall erwog und urteilte nicht wie die Analytiker unter den Künstlern, er baute nicht wie die Konstruktivisten, experimentierte nicht; er wußte, was er zu tun hat. Chagall sammelte Blütenstaub und Nektar einer abtretenden Kultur, bereitete Honig und verwandelte ihn in Bernstein. Goß den geschmolzenen Bernstein in Formen, die ihm seit der Kindheit und Jugend vertraut waren...
Seine Bilder ließ er oft jahrelang unvollendet - er sammelte, sedimentierte Energie wie Silberamalgam, sättigte den Farbenleib seiner Geschöpfe.
Fürsorglich bereitete er sich zur allumfassenden Wiederbelebung vor: er verdichtete, beschwerte die Farbenkörper eines weggehenden Volkes, "auf daß es etwas habe, wohin es im zukünftigen Leben hineingehen könne".
Früher oder später wird die Menschheit gezwungen sein, auf Materie als Existenzform zu verzichten. Die Zivilisation wird andere Formen finden und es lernen, geistige Energien zu nutzen, so wie sie es einst gelernt hatte, die Energie des Windes, des Wassers, der Sonne zu nutzen. Das ganze geistige Potential der Menschenrasse von der winzigsten gutherzigen Sache oder selbst einem einfachen Lächeln bis zu den allergrößten Taten der Menschheit wird sich nach dem unbegreiflichen Gesetz der Erhaltung nicht in alle Winde zerstreuen, sondern wird, umgewandelt, einer erneuerten Menschheit als einzige Energiequelle dienen (so wie die Arbeit unzähliger Bakteriengenerationen zur Schaffung der Erdatmosphäre, der Kohlelagerstätten und Erdölfelder geführt hatte).
In den Ausführungen zum künstlerischen Schaffen Yves Tanguy's haben wir unterstrichen, daß "Tanguy's Welt" eines der großartig ausgearbeiteten nichtmateriellen Existenzmilieus einer geistigen Menschheit ist. Im Zusammenhang mit dem Schaffen Paul Klee's bemerkten wir, daß er an Rhythmen arbeitete, die die Zeit generieren. Die Reihe fortsetzend, können wir annehmen, daß Marc Chagall geistige Kohle für eine künftige nichtmaterielle Zivilisation vorbereitet hat. Die Farbe auf seinen Bildern - dies ist die Energie des zukünftigen Lebens.
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