Kreuzigungsaltar in der Jakobikirche, Chemnitz , um 1505


Im Jahre 1511 erwarb der Meister einen Garten auf dem Weidicht am Brückenberg, dann im folgenden Jahr einen Acker hinter der Heiligen-Geist-Kirche. 1513 kaufte er für 200 Gulden noch zwei Äcker, Wiesen und Teiche im Pöhlauer Grund.

Alles wäre schön, aber die Zeit liebt es nicht, uns zu lange stagnieren zu lassen. 1521 schuf er sein letztes Altarwerk. Das Gewitter ist ausgebrochen. Wie die meisten seiner Zunftgenossen wurde auch Breuer in den Strudel der Reformation hineingezogen.
1522. Nach den Predigten von Friedrich Myconius und Thomas Müntzer und unter dem Einfluss von Karstadt ereigneten sich erste Bilderstürme in Zwickau . 1524 wurde die Nikolaikirche geschlossen. Ab 1529 begann eine Kirchenvisitation. Die sakrale Kunst wurde vernichtet oder mindestens von den Kirchen entfernt.
Breuer hat keine Arbeit. Die Werkstatt ist ruiniert. Die Lehrlinge gehen auseinander. Breuer verkauft fast alles, was mit solcher Mühe angeschafft wurde. Er borgt Geld.
Ich denke, für den Meister waren die psychologischen Qualen noch schlimmer als der finanzielle Flop. Nach neuer lutherischer Ideologie durften sakrale Statuen nur rationale Rollen spielen. Im besten Fall waren sie die tolerierten Evangelien-Illustrationen. Breuer konzipierte sie jedoch ganz anders - als Gefäße für seine Tränen, für seine Freude und seine Trauer.
Was für eine Schicksalsironie! Die Breuer-Werke haben die Bilderstürme überlebt, nicht weil sie wunderschön waren. Nein, lediglich, weil sie in kleinen, unbedeutenden und von Ereigniszentren entfernten Orten aufbewahrt wurden.

Am 12. September 1541 starb Meister Peter Breuer. Die Söhne des Meisters haben das väterliche Handwerk nicht weitergeführt. Matthes wurde Bäckermeister, Hans Tuchmacher. Die Tochter heiratete nach dem Tod des Vaters einen Gerber. Deutschland ist langsam in die frühkapitalistische Epoche eingetreten, der Bildschnitzer aus Zwickau wurde für 300 Jahre vergessen.
Erst Dr. Emil Herzog, der erste Erforscher der Zwickauer Geschichte führte im Jahr 1839 Peter Breuer als ältesten ihm bekannt gewordenen Zwickauer Maler an.
Der berühmte Kunstwissenschaftler Eduard Fleisig hat fast 70 Jahre später eine umfangreiche Gruppe von Altären und Figuren stilkritisch zusammengebracht und sie Peter Breuer zugeschrieben. 1951 wurde eine umfangreiche Monographie über Peter Breuer von Walter Hentschel veröffentlicht. Das ist ein klassisches Buch, und ich empfehle jedem, der an alter sächsischer Kunst Interesse hat, es zu lesen. Ich zitiere hier einige Passagen daraus, ohne sie speziell auszuweisen.


Nach dieser kurzen Biographie möchte ich zum Mittelschrein des Kreuzigungsaltars zurückkehren.
Die ausführlichste Beschreibung der Kreuzigung Christis gibt uns das Johannes-Evangelium. Der Text und sein Geist sind selbstverständlich bekannt, trotzdem möchte ich manche Schlüsselpassagen fragmentarisch zitieren und kurz kommentieren:
Und er selbst trug sein Kreuz und ging hinaus nach der Stätte, genannt Schädelstätte, die auf hebräisch Golgatha heißt, wo sie ihn kreuzigten, und zwei andere mit ihm, auf dieser und auf jener Seite, Jesus aber in der Mitte.
Das Evangelium erwähnt drei Gekreuzigte - Breuer seinerseits lässt nur Jesus im Zentrum der fast symmetrischen Komposition hängen. Die furchterregende Golgatha, der Hinrichtungsort wurde von Breuer in einen sakralen, vom goldenen Licht überschwommenen quadratischen Raum verwandelt.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria des Kleopas Frau, und Maria Magdalena. Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, den er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.
... Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.
... einer der Soldaten durchbohrte mit einem Speer seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.
Auf Breuers Werk sehen wir das geneigte Haupt in der Dornenkrone und das Blut der durchbohrten Seite. Christus übergab seinen Geist. Auf dem Kreuz hängt nur der halbnackte gequälte Körper.
Breuer reduziert die neben dem Kreuz stehende Gruppe bis auf 3 Personen. Maria und Johannes schauen nicht mehr auf den Gekreuzigten - sie trauern und gucken uns an, sie laden uns zur Trauer und Meditation. Johannes trägt ein Buch in der Hand - es ist das noch nicht von ihm geschriebene Evangelium. Er glaubt an die Worte des Lehrers - er trauert, aber hofft auf Auferstehung. Marias Trauer ist tiefer - sie weiß, der Schmerz vergeht nicht bis zum Lebensende.
Magdalena kniet vor dem Kreuz. Es scheint - sie kann noch nicht begreifen, dass der Lehrer tot ist. Sie guckt ihn mit einer Mischung von Bewunderung, Trauer und Liebesekstase an. Vielleicht sieht sie seine Höllenfahrt oder erahnt die Ereignisse, die am kommenden Sonntag passieren.
Die für Breuer bestimmt bekannte Legenda Aurea (von Jacobus de Voragine) spricht so über Magdalena: Es sprechen etliche, daß Maria Magdalena Sanct Johannes des Evangelisten Braut sei gewesen; und da sie Hochzeit wollten halten, rief der Herr den Johannes zu sich von der Hochzeit: da ward sie zornig, daß sie ihres Gemahles beraubt war, ging hin und ergab sich aller Wollust. Doch sollte es nicht sein, daß Johannes Berufung eine Ursache wäre der Verdammnis, darum brachte sie Christus mit großem Erbarmen zur Buße. Und weil er sie von den höchsten leiblichen Lüsten kehrte, so erfüllte er sie dafür mit der höchsten geistigen Liebe, die über aller anderen ist, mit der Gottes Minne.

Leider können wir Magdalenas Antlitz nur von unten und im Profil sehen und deswegen ist es schwer für mich zu beweisen, wie tief diese Charakteristik zu Breuers Magdalena passt.
Vor zwei Jahren habe ich den Altar von einer Leiter aus fotografiert und nur dann verstanden, wie schön, stark und vielfältig die Antlitze von allen 4 Figuren sind. Es ist schade, dass der Breuer-Altar so hoch steht. Das ist gegen Sinn und Willen von Breuer, der auf keinen Fall ein Monumentalist war. Seine Gestalten zeigen ihre subtile Kraft nur bei direktem, fast körperlichen Kontakt zwischen Statuen und Gläubigen. Nur dann offenbaren die Breuer-Figuren ihren verborgenen Sinn, ihre geistige Schönheit, nur dann können sie ihre Aufgabe erfüllen: Der Materie zeigen, wie sie sein kann und den verzweifelten Seelen eine Hoffnung der Barmherzigkeit geben.

Man kann natürlich nicht behaupten, dass Peter Breuer so etwas wie ein großer Meister, Bahnbrecher oder Erfinder war. Nein, Breuer war mehr Traditionalist. Mit dem Vorbehalt, dass die Tradition, der er folgte hier in Sachsen gar nicht existierte. Meister Breuer hat Methoden von Figurendarstellungen und das entsprechende Handwerk von Riemenschneider und Erhart übernommen. Aber er hat die Wurzeln der heimatlichen Kunst nicht abgeschnitten. Um es zu begreifen, kann man z.B. die Maria-mit-dem-Kind-Figuren aus dem Kraftsdorfer Altar (um 1470) vom unbekannten provinziellen Meister und aus dem Steinsdorferr Altar (1497) von Peter Breuer vergleichen. Breuer hat die lokale Tradition in seinen Stil integriert.
Er war kein Realist wie Veit Stoss, hatte wie schon gesagt wenig Verständnis zum Monumentalismus wie beispielsweise die Bildhauer der Freiberger Schule. Er war auch gleichgültig zu neuen Kunsttendenzen, die von solchen Malern wie Dürer oder Cranach vertreten wurden, obwohl ihre Kunst ihm mit Gewissheit bekannt war. Eher tendierte er zum weichen Stil von Martin Schongauer - unsere Kreuzigung hatte einen Prototyp: den Kupferstich vom Colmarer Meister Christus am Kreuz mit vier Engeln.
Breuer arbeitete und lebte zwischen den Epochen. Die sakrale Weltanschauung übergab in seiner Zeit die führende Rolle der rationalen, postreligiösen Lebensphilosophie. Peter Breuer gehörte zu beiden Welten, die nicht nur miteinander gekämpft haben, sondern auch bizarre Hybriden schafften. Die gotische Kunst, ihre hieratischen Schemen erfüllten sich für kurze Zeit mit neuer Menschlichkeit, mit neuer Vertraulichkeit, mit neuer Verletzbarkeit, mit frischem Saft eines, sich erneuerten Lebens. Breuers Heilige sind Halbwesen, Mischlinge. Sie haben eine Doppelnatur - himmlisch und irdisch, mittelalterlich und modern. Die Madonnen und Heiligen vom frühen Breuer waren zarte Blumen, schöne, nicht lebensfähige Kinder von Zeitrissen, himmlische Wesen, die irdische Blutspende erhielten, Elfen, die nicht erwachsen werden durften. Als die neue Welt die alte besiegte, sind sie spurlos verschwunden. Ein zärtliches Gefühl, das sie hinterließen, ist vielleicht die einzige bis zu unserer Zeit verbliebene Spur von der vergessenen Seele der Sachsen. Die Seele, die der sanftmütige Meister Breuer uns direkt zeigt.
Für später gekommene Barockmeister, für Realisten und Naturalisten war Breuers Kunst kindisch. Für gotische Bauhüttenmeister wäre seine Kunst zu menschlich, zu individuell. Für uns, in einer geistigen Wüste lebenden, ist seine Kunst eine Quelle, die gütige seelische Erschütterung und Erfrischung bringt. Warum trinken wir nicht davon?

 

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